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Lernen in Informationsnetzen
von Hermann Astleitner, University of Salzburg, Austria, 1998
Theoretische Grundlagen
1. Ausgangspunkt: Das Informationsproblem
Aufgabe dieses Kapitels ist es, die Fragestellung der vorliegenden
Untersuchung auf dem Hintergrund von aktuellen Problemen in der Gesellschaft
bzw. im Bildungswesen zu beleuchten. Das zentrale Problem - als Ausgangspunkt
dieser Arbeit - stellt die durch technologische Entwicklungen verursachte
Fülle von Information dar, mit der Menschen heute konfrontiert sind.
1.1.Erziehungswissenschaftlich relevante
Facetten des Informationsproblems
Im folgenden Abschnitt werden aktuelle Szenarien des Zuganges zu
Informationen und die damit verbundene zentrale bildungspolitische Zielsetzung
dargestellt. Schließlich werden Defizite im Ausbildungsbereich und Mängel
von computergestützten Benutzungshilfen aufgezeigt, die die Erreichung des
bildungspolitischen Zieles des informationsmündigen Bürgers gefährden und
die damit die Notwendigkeit spezifischer erziehungswissenschaftlicher Forschung
begründen.
1.1.1.Das Zugangsproblem: Informationsexplosion
und das bildungspolitische Ziel des informationsmündigen Bürgers
"Da die Technologie sich sehr viel schneller entwickeln kann
als wir, wird unsere natürliche Kapazität, Informationen zu verarbeiten, wahrscheinlich
immer unzureichender, was den Umgang mit der Überfülle an Veränderungen, Möglichkeiten
und Herausforderungen angeht, die bezeichnend ist für das moderne Leben. Immer
häufiger werden wir uns in der Position der niederen Tiere wiederfinden -
mit einem geistigen Apparat, der ungenügend ausgestattet ist und nicht mehr
mit der Verworrenheit und Vielfalt der Umwelt fertig wird" (Cialdini,
1992, S. 270f).
Obwohl die in diesem Zitat beschriebene Entwicklung überzeichnet
ist, stellt die gegenwärtig konstatierbare Explosion von Information die Gesellschaft,
das Bildungssystem und jeden einzelnen vor große Probleme. Bestsellerträchtige
und von Bildungspolitikern geprägte Schlagworte, wie die von der "neuen
Bildungskrise" (Wagner, 1988, S. 123), der "großen nationalen
Aufgabe" (Schäffer, 1988, S. 6) oder der "totalen Kommunikation"
(Fischer, 1988, S. 26) beschreiben das Ausmaß des Informationsproblems in
unserer heutigen Gesellschaft. Das Informationsproblem besteht darin, daß
der ungeheure Umfang, die große Veränderungsgeschwindigkeit, der hohe Vernetzungsgrad
und die wenig bedienerfreundliche technische Einbettung von Informationen
zu Schwierigkeiten bei der Nutzung führen.
Umfang und Veränderungsgeschwindigkeit: Der Großteil der heute genutzten Informationen ist weniger als
zehn Jahre alt. In einigen Wissenschaftsbereichen, so z.B. der Physik, verdoppelt
sich das Wissen alle acht Jahre. In zehn Jahren wird sich die Informationsmenge
nach realistischen Schätzungen verhundertfachen und die Zahl der Bildschirmarbeitsplätze
mit Zugang zu großen Informationsmengen verzehnfachen. Die elektronische Informationsindustrie
wird nach Berechnungen der Europäischen Gemeinschaft im Jahr 2000 ein Marktvolumen
von um zweihundert Milliarden Schilling haben. Dabei wird sie sich primär
auf Personalcomputer stützen, die zu diesem Zeitpunkt in fünfzehn Prozent
der Haushalte und in fast allen Betrieben vorhanden sein werden (vgl. Vyslozil,
1993). Diese Entwicklungen werden sich aller Wahrscheinlichkeit nach fortsetzen,
denn neunzig Prozent aller Wissenschaftler, die je gelebt haben, sind heute
tätig (vgl. Wittwer, 1990, S. 41f).
Vernetzung: Neben dem großen Umfang und der schnellen
Veränderbarkeit, trägt die intensive Vernetzung bestehender Informationen
viel zur Problemsituation bei. Durlak (1990, S. 552) spricht in diesem Zusammenhang
vom "Informationsdschungel", der durch und in "Informationsnetzen"
gegeben ist. "Informationsnetze" bestehen aus Mitteilungen,
Nachrichten, Auskünften, Lehrstoffen u.ä. Diese Bestandteile stehen miteinander
in Beziehung und sind über moderne Kommunikationsmedien zugänglich gemacht
(vgl. Burmeister + Canzler, 1991, S. 9f). Bestandteile von Informationsnetzen
setzen sich aus Texten, unbewegten oder bewegten Bildern, aus akustischer
Information oder aus einer beliebigen multi-medialen Kombination dieser Typen
zusammen. Ein weiteres Merkmal der Bestandteile von Informationsnetzen stellt
dar, daß sie überdauernd gespeichert und meist gleichzeitig mehreren Nutzern
zur Verfügung gestellt werden können. Die Verbindungen zwischen den Informationsteilen
werden über verschiedene technische Vorrichtungen hergestellt. Einerseits
können Techniken der Telekommunikation (z.B. optoelektronische Übertragungsverfahren
in Glasfaserkabeln; vgl. dazu Zimmermann + Zimmermann, 1988, S. 26f) Anwendung
finden, andererseits wird spezifische Software (z.B. Datenbanken oder Hypertext-Programme)
zur Vernetzung von Informationen benutzt (vgl. eine umfassende Auflistung
von sekundären Informationsnetz-Eigenschaften von Walford, 1990, S. XXVIIf).
Als Beispiele für Informationsnetze können angeführt werden: Bildschirmtext
(BTX oder Videotext oder Teletext realisiert über das Funknetz); Informationsterminals
in Banken, Museen oder als Wegweiser in großen Institutionen; Datenbanken
im Buchhandel, für Wissenschaftler, Juristen, Mediziner oder Wirtschaftsfachleute;
auch Enzyklopädien auf CD-Rom, Hypertext- oder Hypermedia-Lernprogramme, Bedienungsanleitungen,
Produktkataloge oder Hilfeeinrichtungen in Anwendungsprogrammen (z.B. in Textverarbeitungsprogrammen
auf Personalcomputern) u.a.m. (vgl. eine Darstellung einer Reihe von multi-medialer
Informationsnetze in Stone + Buckland, 1992). Allerneueste Entwicklungen zeigen
sich in globalen Computernetzen, mit denen weltweit ein Netz von Informationen
geknüpft wird, das z.B. bei der Lösung von drängenden, menschheitsbedrohenden
Problemen helfen soll. Der Dachverband APC (Association for progressiv communications)
umfaßt mittlerweile Teilnehmer aus 94 Ländern und über ein Dutzend Netzwerke
(z.B. ComLink in Deutschland, IGC in den USA oder alpin in Österreich), die
für ein globales Palaver zu verschiedensten Themen genutzt werden. Herzstück
des APC sind "quasi globale Pinnwände, wo jeder Interessierte, Fachmann,
jede Gruppe und jedes Institut, das sich dort einklinkt, seine Fragen, Hinweise,
Diskussionsbeiträge oder Materialien abwerfen kann. Egal, ob man sich für
den Panamakanal oder für Musikerziehung, für Hirnforschung oder seltene Vogelarten
in Texas begeistert" (Schimmeck, 1993, S. 68f). Noch vor der Jahrtausendwende
soll auch die elektronische Zeitung realisiert werden: "Erst werden
von Zeitungsverlagen nur elektronische - über die Telefonleitung abrufbare
- Zusatzleistungen angeboten; im nächsten Schritt wird dann die gesamte Zeitung
digitalisiert und (über Telefonleitungen oder Funkkanäle) ausgestrahlt; am
(vorläufig absehbaren) Ende der Entwicklung steht ein neues Medium, eine Mischung
aus Zeitung, Radio, Fernsehen und Lexikon, das obendrein noch interaktiv ist,
also die Grenzen zwischen den Produzenten und den Konsumenten immer mehr verwischt"
(Dickman, 1993, S. 68).
Technische Einbettung: Betrachtet man unterschiedliche Realisierungen von Informationsnetzen,
so fällt auf, daß sie meist in komplexen technischen Umgebungen implementiert
sind. Häufig müssen mehrere technische Einrichtungen gleichzeitig in Betrieb
sein bzw. aufeinander abgestimmt werden, um einen effizienten Informationszugriff
zu ermöglichen. Eine zusätzliche Schwierigkeit für den Benutzer ergibt sich
dadurch, daß diese Realisierungen häufig unterschiedlich konzipiert sind.
Durch die Verwendung mehrerer technischer Einrichtungen, die dann noch räumlich
unterschiedlich situiert sind, müssen mitunter rechtliche Aspekte beachtet
werden, die in der Regel einen großen bürokratischen Aufwand mit sich bringen.
Beabsichtigt z.B. ein Wissenschaftler - jemand, für den Informationen eine
ganz besondere Bedeutung haben - sich einer Themengruppe anzuschließen, die
vorwiegend über internationale Datenleitungen miteinander kommuniziert, müssen
eine Reihe von Voraussetzungen erfüllt werden (vgl. z.B. die Gruppe Interacting
Media an der Universität in Enschede, Holland). Zuerst einmal muß an der Forschungsstätte
ein Computer bereitstehen, der an eine Datenfernleitung angeschlossen ist.
Der Anschluß an Datenfernleitungen erfolgt in der Regel über eine Verbindung
zu einem universitären Computerzentrum, von wo aus Verbindungen zu internationalen
Datenleitungen hergestellt werden. Auf der Basis dieser Leitungen kann bei
Kenntnis der Adresse der Zugang zur gewünschten Benutzergruppe geschaffen
werden. Zum Betrieb dieser Hardware sind an den unterschiedlichen Stellen
unterschiedliche Programme (Software) nötig. In diesen Programmen können oft
ähnliche Funktionen nur über unterschiedliche Benutzeroberflächen bzw. Befehle
aufgerufen werden. Für unterschiedliche Hard- und Software gelten unterschiedliche
Benutzungsmöglichkeiten und -bedingungen. Zusätzlich muß für die Nutzung jeder
Hardware-Einrichtung und teilweise auch jeder Software-Einrichtung die rechtliche
Genehmigung vom jeweiligen Betreiber eingeholt werden. Dieses Beispiel soll
zeigen, daß beim Zugang zu Informationsnetzen meist eine Reihe unterschiedlicher
hard- und software-technischer bzw. auch gesetzlicher Nutzungsbedingungen
erfüllt sein müssen.
Informationsnutzung als bildungspolitisches
Ziel: Auf dem Hintergrund der geschilderten Entwicklungen, muß die Frage
gestellt werden, ob alle Menschen, die ein bestimmtes Wissen erlangen wollen,
auch die Möglichkeit und Fähigkeit haben, dies zu tun. Das effiziente Umgehen
mit Information, ihre Auswahl, Bewertung und Ordnung wird heute als die "vierte
Kulturtechnik" (Rauch, 1988, S. 22) angesehen. Unter Kulturtechnik
wird eine Fertigkeit verstanden, die es ermöglicht, an den Leistungen einer
Gesellschaft teilzuhaben. Menschen, die diese vierte Kulturtechnik erworben
haben, werden als "informationsmündige Bürger" bezeichnet
und als bildungspolitische Zielvorstellung postuliert (ebd., S. 22), um den
immensen wirtschaftlichen, sozialen und individuellen Folgewirkungen der Informationsexplosion
begegnen zu können.
Der Zugang zu Informationen stellt eine eigenständige Ware mit großer
wirtschaftlicher Bedeutung dar. Informationen tragen wesentlich zur Erhöhung
der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit bei, legen veraltete Arbeitsbereiche
still und schaffen neue. Durch Berücksichtigung neuer Informationen entstehen
völlig neue Qualifikationen, alte müssen zumindest laufend auf den neuesten
Stand gebracht werden: "Lebenslanges Lernen" ist eine der wichtigsten
Grundbedingungen für den Erhalt des Arbeitsplatzes. Die Wissensexplosion bzw.
deren Aufbereitung in Informationsnetzen verlängert Ausbildungswege und führt
zum Problem, wie Bildung finanzierbar ist. Viele persönliche Daten können
aufgezeichnet und von beliebigen Stellen eines Informationsnetzes abgerufen
werden. Kontrolle und Maschinierung des Alltags wird erlebt. Zunehmende Angst,
Isolation, eine Passivierung des Lebensstiles oder die Flucht in Scheinwelten
werden als individuelle Folgen prognostiziert. Darüber hinaus wird eine Veränderung
des Wahrnehmens und Denkens erwartet, das von den modernen Kommunikationsmedien
- vor allem Computern als Schnittstellen zu Informationsnetzen - ausgelöst
wird. Eurich (1987, S. 106f) faßt diese Entwicklungen folgendermaßen zusammen:
"Wo alles zerlegt, systematisiert, vereindeutigt wird, und das auch
noch angemessen und attraktiv erscheint, da bleibt das ganzheitlich Emotionale,
mit dem schwieriger zu leben ist, weil in ihm immer Widersprüche ruhen, nur
zu schnell auf der Strecke. Die Struktur der Rechner, die eine Folge bestimmter
gesellschaftlicher Strukturen ist, erzeugt so auf Dauer nicht nur ständig
weiter Probleme, die nur mit Rechnerrationalität zu lösen sind; die Rechnerrationalität
wird für die, die als Kinder in sie hineinsozialisiert sind, zum dominierenden
Prinzip für den Umgang mit der Welt und verstärkt damit die Prägung der Welt
in diesem Sinne. Der Umgang mit Welt mittels des Computers, die Darstellung
von Welt und Weltausschnitten in computergemäßer Form ist eine Reproduktion,
in der Ordnung herrscht, eine Reproduktion, die das Unvorhersagbare, das Intuitive
ausklammern muß, eine Reproduktion, deren Möglichkeiten innerhalb des Programms
und innerhalb der Programmlogik liegen. Die Materalisierung rationalen Denkens
im Computer ist die Materialisierung von Detail-Analyse. Das Ganze im rationalen
Denken ist immer nur die Akkumulation von Details. Imaginatives Denken als
synthetisches Denken findet nicht statt."
Obwohl es derzeit noch nicht möglich ist, diese Aussagen empirisch
zu überprüfen, da Informationsnetze bzw. Computer noch zu wenig lange installiert
und wirksam sind, als daß sie Veränderungen in Denkprozessen verursachen könnten
(vgl. Salomon, 1989, S. 263f), so zeichnen sich heute zumindest schon bestimmte
Nutzer-Typen von Informationsnetzen ab. Eine Gruppe nutzt Informationsnetze
selten oder überhaupt nicht. Andere, die über keine spezifische Ausbildung
verfügen, wenden die Versuch-Irrtum-Strategie an, um die gewünschten Informationen
zu bekommen. Eine dritte Gruppe, die naiven Anwender können Informationsnetze,
für die sie ausgebildet sind, bedienen, sind aber hilflos, wenn unerwartete
Probleme auftreten. Schließlich gibt es die kleine Gruppe von Spezialisten,
die in der Lage sind, komplexe Nutzungsaufgaben durchzuführen oder selbständig
Teile von Informationsnetzen zu verändern. Visionen lassen für die nächsten
Jahrzehnte eine "Fünf-Prozent-Gesellschaft" (Wittwer, 1990,
S. 52) erwarten, die Informationen effizient nutzt und deshalb entscheidende
Vorteile gegenüber dem Rest der Menschen besitzt.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, daß Probleme
des Zuganges zu Informationen das bildungspolitische Ziel des informationsmündigen
Bürgers gefährden. Verursacht werden diese Probleme, die sich in einer geringen
Informationsnutzungsfrequenz zeigen, durch die große Menge, die hohe Veränderungsgeschwindigkeit
und den intensiven Vernetzungsgrad von Informationen. Daneben bereitet auch
die schwierig zu bedienende und häufig unterschiedlich ausgeführte technische
Einbettung von Informationen in Informationsnetzen Probleme beim Zugang zu
Informationen.
1.1.2. Das Ausbildungs- und das Hilfeproblem: Hemmnisse am Weg zum informationsmündigen
Bürger
Um den Anteil effizienter Informationsnetz-Benutzer zu erhöhen, müssen Ausbildungsanstrengungen
unternommen oder geeignete Hilfestellungen in Informationsnetzen selbst gegeben
werden.
SCHWIERIGKEITEN IN DER AUSBILDUNG
In Lehrplänen enthaltene Zielsetzungen einer informationstechnischen
Bildung in Österreich oder Deutschland beschränken sich auf eine "informationstechnische
Grundbildung", auf "berufsbezogene informationstechnische
Bildung" und auf "Informatik" (Reiter, 1990, S.
119f). Im Vordergrund dieser Ausbildungsmaßnahmen steht der Erwerb von Kompetenzen
wie: ein Verständnis der Arbeitsweise des Computers gewinnen, Anwenderprogramme
zur Textverarbeitung, Tabellenkalkulation u.ä. effizient nutzen können oder
einfache Programme mit Hilfe von Programmiersprachen erstellen können. In
der Lehreraus-, -fort- und -weiterbildung stehen dementsprechend Einführungen
in Hardware, in Betriebssysteme, in Standard-Software und Programmieren im
Vordergrund. Ein kleiner Teil betrifft Methodik und Didaktik des Computereinsatzes
im Unterricht bzw. Auswirkungen der Informatik in der Gesellschaft. In unterschiedlichen
Ausbildungs- bzw. Schultypen wird diese Grundbildung durch eine spezifische
berufsbezogene Computerausbildung erweitert. Dabei wird der Umgang mit Hard-
und Software auf dem Hintergrund typischer beruflicher Anwendungen in einem
vertieften Ausmaß in herkömmlichen Unterrichtsfächern behandelt. Im Unterrichts-
und universitären Studienfach Informatik werden meist informationswissenschaftliches,
mathematisches und technisches Spezialwissen vermittelt. Der effiziente Umgang
mit Informationsnetzen wird weder in den Lehrplänen für die Schüler noch im
Curriculum der Lehrerausbildung erwähnt.
Die Nutzung von Informationsnetzen in bestehenden Bildungsangeboten
wird durch eine Reihe von Faktoren erschwert. Die Schnelligkeit, mit
der sich ausbildungsrelevantes Wissen verändert, führt bei allen Betroffenen
zu Anpassungsproblemen. Bei einer heute geschätzten Innovationszeit von wenigen
Jahren ist das heute Gelernte bereits in kürzester Zeit veraltet. Auf allen
Ebenen des Bildungssystems begegnen relativ starre Angebote sehr heterogenen
Lernvoraussetzungen: Computer-Freaks sitzen häufig mit Computer-Anfängern
im gleichen Ausbildungsgang. Neu zu berücksichtigende Informationen verschärfen
zusätzlich den Stoff-Zeit-Druck. Neue Ziele sollen erreicht werden und neue
Inhalte sollen vermittelt werden, ohne daß die Unterrichtszeit wesentlich
erweitert wird bzw. ohne daß Kriterien und Konzepte für Kürzungen oder Gewichtungen
vorliegen. Außerdem fehlen Hinweise auf Formen des Wissens und auf Formen
der Erfahrung, die in der konkreten Auseinandersetzung mit Informationsnetzen
erworben werden sollen (vgl. Kell + Schmidt, 1989, S. 686f).
Auch werden im Unterricht Informationsnetze nicht oder nur
zu einem geringen Ausmaß - besonders im deutschsprachigen Raum - benutzt.
Dieser Umstand wird eindeutig durch Analysen aus der Bildungsforschung belegt,
wo unterschiedliche Typen des Computereinsatzes in der pädagogischen Praxis
untersucht wurden (Beishuizen, Tobin + Weston, 1987 oder Pelgrum + Plomp,
1991). Geringe Nutzung besteht, obwohl geeignete Instrumentarien, sogenannte
"Kognitive Werkzeuge" (Kommers, Jonassen + Mayes, 1992) zur
Verfügung stünden. Sie bezeichnen am Computer realisierte Lernumgebungen sowie
deren Entwicklungsumgebungen, die besonders flexiblen und individuumszentrierten
Zugriff auf große und vernetzte Informationsmengen erlauben. Als informationsnetz-relevante
Formen sind Hypertext und Hypermedia anzuführen. Sie sollen in einem Exkurs
kurz behandelt werden.
EXKURS:HYPERTEXT UND HYPERMEDIA ALS AUSBILDUNGSRELEVANTE
INFORMATIONSNETZE
Informationsnetze können für Ausbildungszwecke in Form von Hypertext-
oder Hypermedia-Systemen nutzbar gemacht werden. Ein Hypertext-System besteht
aus einer Reihe von Komponenten: der Basis, dem Managementsystem, der
Autorenkomponente und der Navigationskomponente (Kuhlen, 1991, S. 17f). Hypermedia
stellt ein Informationsnetz dar, das multi-mediale Knoten verwendet, d.h.
es werden nicht nur Texte wie beim Hypertext-System zur Verfügung gestellt,
sondern auch Bilder, Video- oder Tonsequenzen (Gloor, 1990, S. 2). Eine Hypertextbasis
kann man sich als Informationsnetz vorstellen, dessen Textteile (Knoten) über
vielfältige inhaltliche Beziehungen (über Verknüpfungen) verbunden sind. Das
Managementsystem leistet die Verwaltung der Hypertextbasis mit Hilfe einer
Datenbank. Durch Einsatz der Autorenkomponente kann ein vorliegendes textliches
Material in Knoten zerlegt und über Verknüpfungen verbunden werden. Die Navigationskomponente
ist der Teil des Hypertext-Systems, der dem Benutzer den Zugriff auf die in
der Hypertextbasis enthaltenen Textteile erlaubt.
Daß Hypertext für Ausbildungszwecke grundsätzlich geeignet
ist, zeigen u.a. einige Vergleichsstudien mit herkömmlichen Unterrichtsformen.
Higgins + Boone (1990) belegten z.B. die Leistungsfähigkeit der Instruktion
mit Hypertext im Vergleich zum Lehrvortrag. Mit Hypertext unterrichtete Schüler
aller Fähigkeitsstufen waren in Leistungs- und Merktests besser als ihre Kollegen,
die nur nach der Vortragsmethode instruiert worden waren. Jacobson (1991)
verglich computergestützte Drill-Programme mit Hypertexten. Er fand, daß das
Lernen mit Hypertext vor allem dann bessere Leistungen produzierte, wenn es
um komplexe begriffliche Transfers ging. Burnett (1991) fanden, daß das freie
Explorieren von Hypertexten die Lerneinstellung positiv beeinflußt. Bloor et al. (1992)
belegen in einer qualitativen Studie die lerneffiziente Wirkung von Hypertexten
bei hörgeschädigten Schülern über Aussagen von Lehrern. Whalley (1993, S.
14f) berichtet von einer Reihe von Studien, die positive Lerneffekte allerdings
nur bei guten Schülern und bei bestimmten Lehrzielen erzielt haben. Auch Kuhlen
(1991, S. 207) spricht nach einer Zusammenfassung von Lernwirksamkeitsstudien
mit Hypertext zumindest von geringen, aber tendenziell positiven Lerneffekten.
Trotz vorhandener Lernwirksamkeit bei pädagogisch sorgfältiger Konzipierung
finden Hypertexte in der unterrichtlichen Praxis kaum Berücksichtigung. Entwicklungswerkzeuge
bzw. Software zur Erstellung bzw. Nutzung von Hypertext oder -media stehen
auf nahezu allen wichtigen Computerarten schon seit ungefähr einem Jahrzehnt
zur Verfügung - allerdings vorwiegend im anglo-amerikanischen Sprachraum.
Jonassen (1989, S. 67) zählt z.B. sieben Produkte (NoteCards, Intermedia,
Neptune, KMS, HyperCard, Guide, Hyperties) auf, die auf herkömmlichen Personalcomputern
einsetzbar sind und die laufend Erweiterungen erfahren, so z.B. in Toolbook,
SuperCard, LinkWay, Plus oder Authorware Professional (Siviter + Brown, 1992,
S. 163). Die Fremdsprachigkeit und geringe Benutzerfreundlichkeit der Produkte,
hohe Hardware-Anforderungen und fehlende Ausbildung für Lehrer dürften die
Hauptgründe dafür sein, daß Informationsnetze in einer ausbildungsrelevanten
Form nicht in den schulischen Alltag Eingang gefunden haben, obwohl schon
1945 ein erstes Hypertext-Konzept vorgelegt wurde (Bush, 1945). Erste Modell-Projekte
in Österreich und weitgehend auch weltweit liegen vorwiegend am universitären
Bereich vor und dort vor allem beschränkt auf Fachgebiete wie Computerwissenschaft
oder Informatik (vgl. z.B. das Projekt von Prof. Rauch, Informationswissenschaft
Graz, zitiert in: Kuhlen, 1991, S. 186f). Ausführliche Erläuterungen, samt
einer Reihe von Projektdarstellungen zur Ausbildungsrelevanz von Hypertext
und -media geben Gloor (1990, S. 75f), Nielsen (1990, S. 148f) oder Kibby
+ Hartley (1992, S. 163f).
Zusammengefasst besteht das Ausbildungsproblem im Zusammenhang
mit Informationsnetzen darin, daß Ausbildungsmaßnahmen auf nahezu allen Stufen
des Bildungssystems weder konzipiert noch installiert sind. Besondere Probleme
bereiten heterogene Lernvoraussetzungen der Auszubildenden, der Stoff-Zeit-Druck
und die geringe Benutzerfreundlichkeit von ausbildungsrelevanter Software.
PROBLEME MIT BENUTZUNGSHILFEN
Mangelnde Erfahrung bzw. Ausbildung der Benutzer versucht man derzeit
dadurch auszugleichen, daß in Informationsnetzen Hilfen zu ihrer Benutzung
angeboten werden. Hilfen bestehen am häufigsten in Form von computerbasierten
Lehrsystemen, die die Benützung des Systems erklären oder über Indizes strukturiert
Probleme lösen helfen. Damit die gegebenen Hilfen lernförderlich sind, sollten
sie idealerweise "intelligent" sein, d.h. die Hilfeinstanz
sollte selbständig erkennen, welches spezifische Problem der Benutzer gerade
hat und mit welchen Mitteln es gelöst werden kann. Diese Leistung macht die
Berücksichtigung von Methoden der Künstlichen Intelligenz-Forschung notwendig.
Derzeit gibt es eine Reihe von Ansätzen, die bei Informationsnetzen - vor
allem bei Hypertext-Systemen - versuchen, höhere Intelligenz bzw. Adaptivität
an Lernerbedürfnisse zu erreichen. Alle bekannten intelligenten Hypertext-Systeme
liegen erst in Prototypen-Form, unvollständig implementiert und nicht empirisch
untersucht vor. Bärtschi (1985, S. 67) kommt bei einer umfassenden Bewertung
intelligenter Hilfen zur Verbesserung des Informationszugriffes zum Schluß,
daß "Fuzzy set models, vector space models, and probalistic models
have all been proposed to solve information retrieval problems. Despite such efforts, many of those problems remain unsolved". Garg + Scacchi´s (1987, S. 427f) "Document Integration Facility"-Modell
- eines der am höchsten entwickelten Systeme - scheitert bei "unexpected
circumstances such as breakdowns, foul-ups, or resource bottlenecks",
also unerwartet auftretenden Interaktionen mit seinem Benutzer, so daß die
Autoren zum Schluß kommen: "... the approach suggested in this paper
fails" (ebd., S. 428). Auch z.B. Boyle + Snell´s (1990, S. 36f) "Semistructured
Intelligent Navigation System"-Modell wird von den Autoren selbst
als "limited intelligent navigation capability" beurteilt.
Belegt wird diese Einschätzung durch die Anführung einer Reihe von zukünftigen
Veränderungen, die das Modell erfahren muß; so z.B. mehr Gegenstands-Unabhängigkeit;
effizientere Modellierungstechniken; verfeinerte Möglichkeiten zur Informationssuche
oder komplexere und umfassendere Verfahrensregeln (ebd., S. 37). Schwierigkeiten
bereitet für alle Modelle der Umstand, daß das Wissen über menschliche Informationsverarbeitungsprozesse
noch nicht ausreichend differenziert worden ist bzw. daß noch nicht geklärt
ist, ob kognitive Prozesse jemals maschinell nachgebildet werden müssen, um
angemessen intelligent helfen zu können (vgl. eine umfassende Diskussion in
Winograd + Flores, 1986).
Werden computerbasierte Lehrsysteme, die in Informationsnetzen implementiert
sind, in herkömmlicher, nicht-intelligenter Form eingesetzt, weisen
sie die auch bei anderen Lehrsystemen festgestellten Mängeln auf. Viele dieser
Programme basieren auf a priori festgelegten Lernwegen bzw. -einheiten und
verhindern eine vom Lerner bestimmte Lernregulation. Dem Lerner ist es deshalb
z.B. unmöglich, Fragen an den Computer zu stellen oder Hinweise für spezifische
Probleme zu erhalten. In der Regel fehlen auch Anleitungen zu alternativen,
kreativen Lösungswegen und detaillierte Rückmeldungen auf vom Lerner gemachte
Fehler (vgl. eine differenzierte und umfassende Kritik bestehender Lehrprogramme
von Kunz + Schott, 1987, S. 21f). Lauterbach (1989, S. 705) kommt bei einer
Qualitätsbestimmung von computerbasierten Lehrsystemen zum Schluß, daß "etwa
nur ein Drittel für Unterricht und Fortbildung geeignet" sind. Außerdem
besteht das Problem der hohen Kosten für die Erzeugung instruktionaler Einheiten
am Computer. Lippert (1989, S. 12) schätzt zweihundert Stunden Entwicklungszeit
für eine Stunde lerneffektiver Unterweisung. Für eine Stunde intelligenter
Unterweisung werden eintausendfünfhundert Stunden gerechnet. Hilfe zur Lösung
der bestehenden Probleme hat man sich besonders von der lehr-lern-theoretischen
Fundierung computergestützter Instruktion erwartet. Merril, Li + Jones (1990,
S. 7) stellen allerdings das Scheitern einer "ersten Generation instruktionalen
Designs" fest. Im besonderen stellt die flexible und ressourcensparende
Integration aller am Instruktionsprozeß beteiligten Komponenten ein Problem
dar, das derzeit nicht gelöst ist.
Das Hilfeproblem im Zusammenhang mit Informationsnetzen besteht zusammengefaßt
darin, daß nicht-intelligente Lernhilfen eine Reihe von Mängeln aufweisen,
die durch intelligente Lernhilfen noch nicht kompensiert werden können. Besondere
Probleme bereiten die maschinelle Nachbildung menschlicher Informationsverarbeitungsprozesse
und die integrative Berücksichtigung wichtiger beim Instruieren wirksamer
Lehrkomponenten.
1.2. Die globale Fragestellung der Arbeit
Der Wohlstand einer Gesellschaft und der Beitrag des einzelnen basiert
zu einem wichtigen Teil auf der Möglichkeit des Zuganges und der Nutzung von
Informationen. Um das bildungspolitische Ziel eines informationsmündigen Bürgers
zu erreichen, müssen einerseits Ausbildungsmöglichkeiten und andererseits
intelligente technische Benutzungshilfen geschaffen werden. Von seiten der
Erziehungswissenschaft sind Empfehlungen notwendig, wie Ausbildung und Benutzungshilfen
gestaltet sein müssen, um die erforderlichen Aufgaben zu erfüllen. Um Hilfestellungen
geben zu können, muß Wissen vorhanden sein, das Auskunft darüber gibt, wie
Menschen in Informationsnetzen lernen bzw. wie dieses Lernen optimiert werden
kann.
Dieses Wissen bezogen auf Lernen in Informationsnetzen wird von der
einschlägigen wissenschaftlichen Forschung nur unzureichend zur Verfügung
gestellt und von dieser auch eingestanden. Locatis, Letourneau + Banvard (1989, S. 72) stellen "little empirical
evidence about hypermedia´s learning effects" fest. Fischer + Mandl
(1990, S. XXIV) schreiben: "We are lacking the appropriate information
extraction and information-processing models which could explain how users
process information from hypersources". Auch Leggett et al. (1990,
S. 27) bestätigen einen allgemeinen Wissensmangel: "Although there
is much activity, the literature is lacking in theoretical findings, empirical
results, and practical experiences". Tripp + Roby (1990, S. 120)
schreiben: "Recently, there has been considerable interest in the
possibilities of hypertext in instructional situations, but little is known
about how students will learn in such environments". Kuhlen (1991, S. 8) stellt in einer umfassenden
und differenzierten Analyse des Umgangs mit Informationsnetzen - konkret Hypertext
- fest, daß derzeit nur "einige, sehr schwach empirisch fundierte
Studien" vorliegen.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es deshalb, Lernen in Informationsnetzen
theoretisch und empirisch orientiert - erstmals umfassend und systematisch
- zu untersuchen. Da Lernen in Informationsnetzen nur wenig wissenschaftlich
untersucht ist, wird eine erste Aufgabe dieser Arbeit darin bestehen, Lernen
in Informationsnetzen zu definieren. Damit sollen Unterschiede zu herkömmlichem
linearen Lernen herausgearbeitet werden, um so die Eigenständigkeit von Lernen
in Informationsnetzen und deren Erforschung begründen zu können. Besonderes
Augenmerk soll auf eine Form des Lernens - des Browsing - gelegt werden, die
darin besteht, möglichst ohne lernunterstützende Maßnahmen auszukommen. Erstmals
sollen in einer integrierenden Gesamtschau Modelle dargestellt und kriterienbezogen
bewertet werden, die den Informationszugriff in Informationsnetzen beschreiben
und erklären. Zu diesem Zweck werden Bewertungskriterien ausgearbeitet, die
Lernbedingungen in Informationsnetzen und browsing-spezifische Lerneffekte
betreffen. Die theoretischen Ansätze werden anhand dieser Kriterien auf ihre
Leistungsfähigkeit hin beurteilt. Es gibt derzeit keine gesammelte und kommentierte
Aufstellung dieser Modelle, was die angesprochenen Wissensmängel dokumentiert.
Mit dieser Aufstellung sollen Modelle aus dem Bereich der Informatik und Kognitiven
Psychologie für den Bereich der Pädagogik verfügbar gemacht werden. Im empirischen
Teil der Arbeit werden eine Reihe experimenteller Untersuchungen dargestellt.
Sie sollen Lernen in Informationsnetzen unter verschiedenen situativen und
persönlichkeitsspezifischen Bedingungen untersuchen.
Aus den empirischen Ergebnissen sollen Rückschlüsse in Hinblick auf
optimales Lernverhalten gezogen werden. Kann optimales Lernverhalten in Informationsnetzen
festgelegt werden, dann kann auf dieser Basis entschieden werden, welche lernrelevanten
Aspekte in Ausbildungsmaßnahmen oder bei Hilfsprogrammen berücksichtigt werden
müssen, um das Zugangs- und damit das Informationsproblem verringern zu können.
2.Begrifflicher Bezugsrahmen:
Struktur, Lernbedingungen und Browsing in
Informationsnetzen
Die vorliegende Arbeit untersucht Lernen in Informationsnetzen. Zur
Festlegung bzw. Eingrenzung des begrifflichen Bezugsrahmens beschäftigt sich
der erste Teil dieses Kapitels mit den Bestandteilen bzw. der Struktur von
Informationsnetzen. Im zweiten Teil wird versucht, Unterschiede der Lernbedingungen
in Informationsnetzen im Vergleich zu herkömmlichem linearen Lernen aufzuzeigen.
Im dritten Teil soll die Informationszugriffsart des Browsings als wichtigstes,
eigenständiges Merkmal des Lernens in Informationsnetzen beleuchtet werden.
2.1.Bestandteile und Aufbau von Informationsnetzen
Informationsnetze bestehen aus "Knoten", die über "Verknüpfungen"
"vernetzt" werden. In diesem Abschnitt sollen zentrale Begriffe
insoweit geklärt werden, als sie für das Verständnis der weiteren Abschnitte
notwendig sind. Über die Intention der vorliegenden Arbeit hinausgehende Darstellungen
zu Bestandteilen und Struktur von Informationsnetzen finden sich in DeRose
(1989), Jonassen (1986, S. 278f), Kuhlen (1991, S. 27f), Parsaye, Chignell,
Khoshafian + Wong (1989) oder Shneiderman + Kearsley (1989, S. 3f).
KNOTEN ALS INFORMATIONELLE EINHEITEN
Als "Knoten" werden die grundlegenden Informationsteile
in Informationsnetzen bezeichnet (Jonassen, 1989, S. 7). Knoten bestehen aus
Fragmenten von Text, Graphik, Video oder anderer Information (Jonassen + Grabinger,
1990, S. 5). Anstelle der Bezeichnung Knoten finden sich in der Literatur
eine Reihe von Synonymen, so etwa: "Karten", "Objekte",
"nodes", "stacks" oder "blocks". Die Entstehung
unterschiedlicher Bezeichnungen hängt damit zusammen, daß in verschiedenen
Entwicklungswerkzeugen, die die Herstellung von Informationsnetzen erlauben,
Knoten unterschiedlich benannt wurden. Die Bezeichnung "Karten"
ist z.B. eng mit dem Programm "Hyper-Card" verbunden (Nielsen, 1990,
S. 105).
Den in Knoten enthaltenen Texten, etc. kommt die Aufgabe zu,
den Benutzer von Informationsnetzen zu informieren. Horn (1989, S. 108f) führt
vier Grundprinzipien an, die das Erreichen der Informationsfunktion von Knoten
möglich machen und die bei der Gestaltung von Informationsnetzen berücksichtigt
werden. Das "chunking principle" betrifft das Zusammenfassen
der Information in handhabbare Einheiten. Als handhabbar wird eine Information
eingeschätzt, die auf einer Computer-Bildschirmseite Platz findet. Das sind
in der Regel Informationen, die zwanzig bis vierundzwanzig Zeilen in üblicher
Schriftgröße (12 Punkt) ausmachen. Die Größe oder der Umfang eines Knotens
wird als "Granularität" bezeichnet. Sie wird festgelegt "by the way information is organized
by the designer of the system. As such systems allow the size of nodes to
vary from large chunks of text, graphics, etc. and pictures at one end of
a continuum to concept labels. Such an entity is defined as ´the minimum entity
that signifies or denotes an understanding by a user and has meaning by itself´"
(McAleese, 1989, S. 90f). Der
Umstand, daß alle Informationen aus leserorientierter Perspektive auf einen
wesentlichen Punkt hin zentriert sein sollen, wird "relevance principle"
genannt. Knoten sollten auch terminologisch konsistent organisiert sein. Diese
Grundbedingung wird "consistency principle" genannt. Schließlich
sollte jeder Knoten ein eindeutig kennzeichnendes Etikett, einen Namen haben,
was dem "labeling principle" entspricht. Nach Kuhlen (1991,
79f) haben Knoten weiters die Eigenschaften der "kohäsiven Geschlossenheit",
der "Kontextoffenheit" und der "gegenseitigen Verbindung"
aufzuweisen. Kohäsiv geschlossen meint, daß jeder Knoten für sich genommen
verstanden werden sollte. Besonders implizite Bezüge auf andere Textabschnitte,
so z.B. "wie ich im nächsten Abschnitt zeigen werde", sollen aufgelöst
oder durch eine Verknüpfung explizit gemacht werden. Obwohl es wichtig ist,
daß die Information eines Knoten verstanden wird, müssen Knoten auch gleichzeitig
auf ihren informationellen Kontext verweisen. Kontextinformation kann z.B.
durch eine Überschrift, eine graphische Übersicht oder durch Anzeige von Begriffen,
die weitere Erklärungen enthalten, dargestellt werden. Schließlich sollen
Relationen zwischen Knoten durch verschiedene Arten von "Verknüpfungen"
hergestellt werden.
VERKNÜPFUNGEN ALS VERBINDUNGEN ZWISCHEN
INFORMATIONELLEN EINHEITEN
"Verknüpfungen" (oder "Kanten" oder "Relationen"
oder "links") stellen Verbindungen zwischen den Knoten eines
Informationsnetzes her. Nach Conklin (1987, S. 33f) werden "referenzielle"
und "organisatorische" Verknüpfungen unterschieden. Bei "referenziellen"
Verknüpfungen wird das Vorkommen einer Bezeichnung zum Anlaß genommen, um
auf andere Knoten zu verweisen. Es wird explizit nicht ausgedrückt, warum
eine Verknüpfung hergestellt wurde (Kuhlen, 1991, S. 114). Kommt z.B. in einem
Knoten ein Begriff vor, zu dem es im Informationsnetz einen Knoten gibt, der
irgendwelche Information über den Begriff enthält, dann werden beide Knoten
verbunden. "Organisatorische" Verknüpfungen stellen hingegen
explizit semantische Beziehungen zwischen Knoten her und werden zur Strukturierung
von Informationsnetzen verwendet. Diese Beziehungen sind hierarchischer und
konzeptueller Natur. So können in diesem Fall z.B. zwei Knoten miteinander
verbunden werden, die in der Beziehung: Ober-/Unterbegriff oder Merkmal/Beispiel
stehen (Jonassen, 1989, S. 54). Verknüpfungen können weiters hinsichtlich
ihrer Richtung und ihres Bezugspunktes unterschieden werden. Bezüglich der
Richtung werden uni-direktionale und bi-direktionale Verknüpfungen unterschieden.
Bei uni-direktionalen Verknüpfungen gilt eine Beziehung zwischen einem Knoten
A und B, im bi-direktionalen Fall gilt die Beziehung auch zwischen B und A.
In Hinblick auf den Bezugspunkt von Verknüpfungen werden Intra-, Inter- und
Extra-Verknüpfungen unterschieden: Das sind Verknüpfungen innerhalb eines
Knotens, zwischen Knoten und aus dem Informationsnetz hinausführende Verknüpfungen
(Kuhlen, 1991, S. 104f).
Verknüpfungen werden in Knoten durch "Verknüpfungsanzeiger"
angezeigt. Sie geben einem Benutzer eines Informationsnetzes die Möglichkeit,
Verbindungen zu anderen Knoten zu erkennen. Verknüpfungsanzeiger können besonders
gekennzeichnete Worte oder Wortgruppen (sogenannte "hot words")
sein oder z.B. in Menüleisten angebracht werden. Durch Anklicken der Verknüpfungsanzeiger
mit einem Zeigegerät - häufig mit einer Maus - können die Knoten aufgerufen
werden, auf die verwiesen wird (Jonassen, 1989, S. 8). Durch Verknüpfungsanzeiger
werden Knoten von Informationsnetzen physikalisch miteinander "vernetzt".
NETZSTRUKTUREN UND VERKNÜPFUNGSTYPEN
Zur weiteren Begriffsklärung können auch Typen von Netzstrukturen
mit Verknüpfungstypen in Zusammenhang gebracht werden. Gemäß den oben gemachten
Ausführungen werden strikt hierarchische und lineare Strukturen in der Regel
mit organisatorischen Verknüpfungen erzielt. Teilweise und vollständig vernetzte
Strukturen basieren auf referenziellen Verknüpfungen. Nicht strikt hierarchische
Strukturen verwenden beide Verknüpfungstypen. Referenzielle und organisatorische
Verknüpfungen werden am häufigsten als bi-direktionale und Inter-Verknüpfungen
realisiert. Lernen in Büchern oder sonstigem gedruckten Material ist strikt
hierarchisch, linear oder nicht strikt hierarchisch organisiert. Lernen in
Informationsnetzen - wie Hypertext oder Hypermedia - kann prinzipiell in allen
Strukturformen vor sich gehen. Am häufigsten sind nicht strikt hierarchische
und teilweise vernetzte Strukturen zu finden. Für den idealtypischen Vergleich
werden in Büchern lineare Strukturen angenommen, in Informationsnetzen teilweise
vernetzte Strukturen.
2.2. Lernbedingungen in Informationsnetzen
Als "Lernen" ist "jede kognitive Strukturänderung
zu bezeichnen, die durch Wahrnehmung, Kognition, Emotion, Motivation und andere
psychische Abläufe hervorgerufen wird", wobei "kognitive
Strukturen" sowohl "Repräsentationen von Sachverhalten (Wissensbestände,
Überzeugungen) als auch Programme (Pläne) zu motorischem Verhalten und psychischen
Prozessen (z.B. problemlösenden Denken)" umfassen (Pekrun, 1988,
S. 88 und S. 47). In Hinblick auf das Vorhaben in diesem Abschnitt wird diese
Definition von Lernen als ausreichend angesehen; über die Absicht dieses Kapitels
hinausgehende Definitionen von Lernen finden sich z.B. in den Sammelbänden
von Mandl + Spada (1988) oder Marjoribanks (1991).
"Lernbedingungen" stellen das Lernen beeinflussende Eigenschaften
einer Lernumgebung (z.B. eines Informationsnetzes) dar, die sich aufgrund
struktureller Gegebenheiten bilden. In der Folge sollen eine Reihe lernrelevanter
Bedingungen in Informationsnetzen bzw. vernetzten Lernumgebungen in ihrer
Unterschiedlichkeit zu linearem Lernen bzw. linearen Lernumgebungen idealtypisch
dargestellt werden. Dabei werden einerseits lernumgebungsspezifische Eigenschaften,
die die Präsentation von Informationen betreffen (Lernrichtung, Umfang, Zugriffsschnelligkeit
und Ideenentwicklung) und andererseits lernumgebungsspezifische Aspekte der
Informationsverarbeitung der Benutzer (Adaptivität, Orientierung, Ablenkung,
Arbeitsgedächtnis und Denkstil) behandelt (vgl. Abbildung 2).
LERNRICHTUNG
Den direktesten Einfluß üben Strukturbedingungen auf die Lernrichtung
aus. In Büchern wird von links-oben nach rechts-unten gelesen. Die Lernrichtung
ist an zwei Dimensionen orientiert. Durch Vernetzung von Informationen wird
in Informationsnetzen ein drei-dimensionaler Effekt erzielt. Beim Anklicken
eines Verknüpfungsanzeigers verschwindet der ursprüngliche Bildschirminhalt
und der Inhalt des mit dem Anzeiger verbundenen Knotens erscheint. Dadurch
entsteht der Eindruck, in neue Information "hineingegangen" zu sein.
Bei der Rückkehr zum Ausgangsknoten, wird ein "Herauskommen" erlebt.
Illustrierbar ist dieser Unterschied am Vergleich zwischen einem Schwimmer
und einem Taucher: Ein Schwimmer bewegt sich zwei-dimensional in alle Himmelsrichtungen,
ein Taucher kann zusätzlich den Meeresgrund als dritte Dimension erkunden.
Damit ergeben sich in beiden Lernumgebungen unterschiedliche Reihenfolgen
der Auswahl von Informationen. Unterschiedliche Auswahlen deuten ihrerseits
auf unterschiedliche Lernprozesse und damit auf unterschiedliche Lernergebnisse
hin.
UMFANG
Wird mit gedrucktem Material (Buch, etc.) gelernt, kann durch Angabe
der Seitenzahl und des Druckformates leicht der Umfang des zu lernenden Materials
ersehen werden. In Informationsnetzen ist immer nur ein Ausschnitt des Lernmaterials
- in der Regel: eine Bildschirmseite - sichtbar. Ein Großteil der Information
wird als versteckt erlebt (Durlak, 1990, S. 555). Der Umfang des Lernmaterials
wird in Informationsnetzen deshalb häufig falsch eingeschätzt. McKnight, Dillon
+ Richardson (1990, S. 13) untersuchten vier verschiedene Versionen desselben
Textes hinsichtlich der Einschätzung des Umfanges der jeweils zugrundeliegenden
Materialien. Bei den Versionen handelte es sich um zwei nicht-lineare Formen
in Hypertext-Aufbereitung (Hyperties und Hypercard) und zwei lineare Formen,
einmal in einem Textverarbeitungsprogramm und einmal in ausgedruckter Papierform.
Während der Umfang der linearen Formen sehr exakt eingeschätzt wurde, gab
es bei beiden nicht-linearen Versionen Überschätzungen von um einhundert Prozent.
Bei der Interpretation der Ergebnisse wurde darauf verwiesen, daß Überschätzungen
des Umfangs eines Dokumentes sowohl das eingeschätzte Ausmaß an Detailliertheit
als auch die Zugriffsstrategie beeinflussen. Auch Marchionini (1989b) berichtet
von Überschätzungen des Umfangs bei vernetzten Lernumwelten. Obwohl ein wenig
umfangreicher Text in linearer Form und in Hypertext-Form einen völlig identen
Umfang aufwiesen, wurde von einem großen Teil der Versuchspersonen ausgesagt,
daß zweiter um ein Vielfaches umfangreicher ist.
(...)
SCHNELLIGKEIT DES INFORMATIONSZUGRIFFES
In Büchern ist die Auswahl von Information in der Regel daran gebunden,
daß man sich das Inhaltsverzeichnis oder ein Sachregister ansieht, bevor durch
Blättern und Such-Lesen der gewünschte Textausschnitt ausgewählt wird. In
Informationsnetzen erlauben effiziente Eingabegeräte (z.B. eine Maus) blitzschnelles
Auswählen von Bildschirmseiten durch Drücken (Klicken) einer Taste (Marchionini,
1988, S. 9). In kurzer Zeit kann deshalb verschiedenste Information gesehen
werden. Dadurch, daß es schwierig ist, sich in Informationsnetzen zu orientieren
(siehe unten), geht Zeit für die Lösung von gestellten Aufgaben verloren.
Durch schnellen Informationszugriff kann diese Zeit wieder aufgeholt werden,
so daß zwischen linearen und vernetzten Lernumgebungen keine Zeitunterschiede
in der Bearbeitung von gestellten Aufgaben gefunden werden. McKnight, Dillon
+ Richardson (1990, S. 14) bestätigen dies bei der Beantwortung von zwölf
Fragen in linearen und vernetzten Lernumgebungen (siehe oben in diesem Abschnitt:
Umfang). Auch Monk, Walsh + Dix (1988) fanden bei der Beantwortung von fünfzehn
Fragen nahezu idente Bearbeitungszeiten, wenn mit vernetztem Hypertext gearbeitet
wird gegenüber dem Scrollen von Textfiles.
IDEENENTWICKLUNG
In linearen Lernumgebungen werden Ideen "fließend" entwickelt:
Der physikalische Aufbau eines Textes entspricht seiner logischen Struktur.
In vernetzten Lernumgebungen wird durch aufrufbare Verzweigungen zu anderen
Texten diese Struktur unterbrochen. Der physikalische und logische Textaufbau
wird dadurch gestört oder bereichert (Marchionini, 1988, S. 10). Texte werden
innerhalb der Knoten linear strukturiert, d.h. auch, daß das Lesen eines Knotens
für sich genommen verständlich sein soll. Durch Wechseln auf einen anderen
Knoten wird man wieder mit einem inhaltlich in sich geschlossenen Knoten konfrontiert.
Beide Male ist der Verknüpfungsanzeiger in den Knoten in einem anderen Kontext
geschrieben. Wird z.B. fächerübergreifender Unterricht mit Hilfe von Informationsnetzen
realisiert, kann einem Begriff, der in zwei unterschiedlichen Fachgebieten
vorkommt, völlig andere Bedeutung zukommen. So wird z.B. Silicium in der Biologie
als wichtiges Spurenelement angesehen, in der Geologie als gesteinsbildender
Stoff. Ein und derselbe Begriff wird so in Informationsnetzen aus unterschiedlichen
Blickwinkeln aus betrachtet. (...)
LINEAR VERNETZT
In linearen Lernumgebungen wird in der Regel von Abschnitt (bzw.
Knoten) A direkt zu Abschnitt B übergegangen. In vernetzten Lernumgebungen
können eine Reihe von Umwegen genommen werden, um von A nach B zu kommen.
Durch Verknüpfungsanzeiger ist es z.B. möglich, von A nach F zu kommen, von
dort aus nach E und G, von G wieder zurück zu F, von F nach E und von E schließlich
nach B. Durch den Umweg, in dem zusätzliche Informationen zugänglich waren,
werden die Informationen im Knoten B in einem anderen Blickwinkel erscheinen
bzw. andere Bedeutung bekommen, als wenn von A direkt auf B übergegangen worden
wäre.
ADAPTIVITÄT
Liest man Bücher, ist man gezwungen, um den Inhalt des Textes zu
verstehen, der Ideenverkettung des Autors zu folgen. In Informationsnetzen
können individuelle Lernwege gegangen werden, die noch nie jemand zuvor gegangen
ist. Texte
in Büchern können als "complete documents with the only additional
input being the students underlining or marginal notes" (Cunningham,
Duffy + Knuth, 1993, S. 31) angesehen werden. Texte oder Textabschnitte werden häufig
in einer passiven Form konsumiert, sie können nur schwer neu angeordnet oder
kombiniert werden. In Informationsnetzen wird aktiv konstruierend gelernt, "if an individual
constructs the network of nodes of information, that network will be as much
a reflection of that individual´s point of view as the organisation of a book
is a reflection of the author´s point of view" (ebd., S. 32).
ORIENTIERUNG
In Büchern bietet die Ordnung des Textes in Kapitelform eine wichtige
Orientierungsmöglichkeit. Liegen große Informationsmengen unstrukturiert in
Informationsnetzen vor, so verursachen sie das Problem des "lost-in-hyperspace"
(Conklin, 1987, S. 38). Der Benutzer des Informationsnetzes weiß nicht mehr,
woher gekommen ist, wo er sich gerade befindet, wieviel an Information er
schon gesehen hat und wo er weitergehen soll: "Like a stranger in
a foreign city without a map, he may miss the correct turning" (Hammond,
1989, S. 169). Nielsen + Lyngbaek (1990, S. 65f) fanden, daß über 50 Prozent
von untersuchten Versuchspersonen (Wissenschaftler), oft nicht wußten, wo
sie sich in einem Hypertext eines Kongreßberichtes befanden. Über 40 Prozent
wußten häufig nicht, wie sie zu einem Ausgangspunkt zurückkehren konnten.
Dieses Ergebnis wurde erzielt, obwohl die Mehrzahl der Versuchspersonen Erfahrungen
mit Informationsnetzen hatten, obwohl es sich um einen Text mit geringem Umfang
handelte und obwohl für dessen Bearbeitung ausreichend Zeit zur Verfügung
gestellt wurde.
ABLENKUNG
In Büchern wird Text, der thematisch zusammenhängt, in der Regel
in Kapiteln zusammengefaßt. Zu einem anderen Thema wird erst dann übergegangen,
wenn der jeweilige Themenbereich abgeschlossen ist. Durch Vernetzung von Informationen
gerät man leicht an Themen, die in einem völlig anderen Kontext geschrieben
sind oder überhaupt einen völlig anderen Gegenstandsbereich betreffen. Ablenkung
vom ursprünglichen Thema ist die Folge. Marchionini (1988, S. 10) beschreibt dieses Phänomen folgendermaßen:
"Cognitive resources may be diverted from content and relationships
as learners attend to navigational decision-making. Distraction is compounded
by the vast quantities of information, easily accessible (a mouse click),
much of which may be only peripherally relevant. The rich learning environment
can easily become an environment of ´hyperchaos´. There is danger that students
can either miss relevant instructional points entirely, or worse yet, form
wrong interpretations of the information". Hammond (1993, S. 55) spricht von "Mitnahmeeffekten"
als Nebenprodukten von Lernen in Informationsnetzen. Damit wird gemeint, daß
neben der eigentlich zu lernenden Information - dadurch, daß durch Ablenkung
nicht relevante Informationen aufgerufen werden - auch etwas über Bereiche
erfahren und gemerkt wird, die nichts oder wenig mit der gestellten Aufgabe
zu tun haben. Landauer, et al. (1993, S. 75) zitieren eine Reihe von Untersuchungen,
die sich mit der Suche von Information in Informationsnetzen (vor allem Datenbanken)
befassen. Zusammenfassend kommen sie zum Ergebnis, daß durchschnittlich zehn
bis vierzig Prozent der gewünschten Information gefunden wird. Durchschnittlich
dreißig bis sechzig Prozent der in Informationsnetzen gefundenen Informationen
sind hingegen überhaupt nicht relevant für die jeweils vorgegebene Aufgabenstellung.
ARBEITSGEDÄCHTNIS
Wird in linearen Lernumgebungen gelernt, kann in der Regel das gesamt
zur Verfügung stehende Potential des Arbeitsgedächtnisses für die Lösung einer
gestellten Aufgabe verwendet werden. In Informationsnetzen wird das Arbeitsgedächtnis
zusätzlich dadurch belastet, daß im Speicher gehalten werden muß, welche Wege
bereits gegangen sind bzw. wohin man gelangen will. In der Literatur wird
in diesem Zusammenhang von "kognitiver Überladung" gesprochen,
was "the additional effort and concentration necessary to maintain
several tasks or trails at one time" (Conklin, 1987, S. 40) betrifft.
Die Steuerung durch Texte in Büchern fordert in dieser Hinsicht wenig Aufmerksamkeit,
da durch Seiten- und Kapitelnummerierung ohne viel Aufwand festgestellt werden
kann, wo man sich gerade befindet. Stark (1990, S. 3) untersuchte die Einschätzung
der Arbeitsgedächtnisbelastung bei einem Hypertext, wo einer bestimmten Nachfrage
bezüglich eines Produktes ein passendes Angebot zugeordnet werden mußte. Der
Hintergrund der Untersuchung bildete der Vergleich unterschiedlicher Informationspräsentationstechniken.
In der Pop-up-Präsentation wurde neue Information rechts-oben am Bildschirm
eingeblendet. Die ursprünglich sich am Bildschirm befindliche Information
blieb bestehen. In der Replacement-Präsentation wurde die ursprüngliche Information
durch eine neue völlig verdeckt. Obwohl es sich um eine Aufgabe handelte,
deren "amount of new detail information was relatively small, and
both the source information and the new details were conceptually simple,
linguistically codable, and interpretable independently" (ebd., S.
9), wurde in einem post-experimentellen Interview häufig von hoher Arbeitsgedächtnisbelastung
gesprochen: In der ersten Präsentationsform stellten dreiundachtzig Prozent
der Versuchspersonen hohe Gedächtnisbelastung fest, in der zweiten Form sechsundsechzig
Prozent. Wright + Lickorish (1990, S. 85) untersuchten zwei unterschiedliche
Informationszugriffsarten. Seitensteuerung als eine Zugriffsart bestand darin,
daß von jedem Knoten eines Hypertextes die anderen Knoten gewählt werden konnten.
Konnte über Indizes auf Knoten zugegriffen werden, mußte von jedem Knoten
zuerst eine alphabetische Themenliste aufgerufen werden, bevor von dieser
der gewünschte Knoten gewählt werden konnte. Bezüglich der zweiten Zugriffsart
wurde erwartet, daß sie das Arbeitsgedächtnis mehr belaste, weil ein zusätzlicher
Zwischenschritt zur Knotenauswahl durchzuführen ist. Die Arbeitsgedächtnisbelastung
wurde durch das Ausmaß an Notizen gemessen, die sich die Benutzer des Informationsnetzes
während der Arbeit machten. Die Benutzung von Indizes führte wie erwartet
zu signifikant mehr gemachten Notizen. Die insgesamt festgestellte intensive
Nutzung von Notizen wurde als Indiz für die starke Belastung des Arbeitsgedächtnisses
beim Lernen in Informationsnetzen gewertet.
DENKSTIL
Diskutiert wird schließlich der Umstand, daß in Informationsnetzen
ein spezifischer Denkstil von den Benutzern verwendet wird. Beeman (1989,
S. 67) spricht von "non-lineal-thinking". Besondere Eigenschaft
dieses Denkstils ist, daß Wissen in "interrelated relativistic terms
rather than isolated bits of information" besteht bzw. verarbeitet
wird und daß multi-kausale Beziehungen zwischen Wissensteilen hergestellt
werden (ebd., S. 68). Beeman (1989, S. 74f) berichtet von Lehrveranstaltungen
an der Brown University im Fach Englisch und Biologie, wo durch Einsatz von
Hypertexten non-lineal-thinking besonders gehäuft im Vergleich mit der herkömmlichen
Vortragsmethode beobachtet wurde. Neben der Verbesserung in Leistungstests,
die diese Art des Denkens überprüften, liegen auch studentische Aussagen vor,
die eine Beeinflussung oder Veränderung der Denkgewohnheiten anzeigen. Ein Student z.B. kommentierte die Entwicklung seines multi-kausalen
Denkens folgendermaßen: "You can get an idea of the author, put him
in his historical background, the time period, and other author he relates
to. So, you get an idea of the person within the whole course, a way to place
authors in some kind of context, something to refer to when trying to remember
things about them" (ebd., S. 76). Ein anderer Student verglich z.B.
den Hypertext-Kurs mit anderen, herkömmlichen Kursen: "I can place
things in history whereas in other classes, I would read something but I didn´t
have an understanding of the influences surrounding it or know how to relate
it to other pieces of literature. I feel like I am doing that now and I will
be doing it in the future too - trying to relate things" (ebd., 77).
Jonassen + Grabinger (1990, S. 20f) sind
- die Aussagen von Beeman stützend - der Ansicht, daß Benutzer von Informationsnetzen
spezifische Fertigkeiten ausbilden, um effizient lernen zu können. Sie sprechen
in diesem Zusammenhang von einer "information literacy" (ebd.,
S. 21), einer Grundfertigkeit wie Lesen oder Schreiben.
Zusammenfassend muß gesagt werden, daß die hier ausgearbeiteten
Unterschiede in den neun angeführten Lernbedingungen aufgrund idealtypischer
Vergleiche zustande gekommen sind. Nicht-lineare Strukturen und Lernbedingungen
können aber ebenso in linearen Lernumgebungen vorhanden sein, wie lineare
Strukturen und Lernbedingungen in vernetzten Lernumgebungen gegeben sein können.
So können nicht-lineare Lernbedingungen in Büchern z.B. dadurch entstehen,
daß nach vorne und hinten geblättert wird oder dadurch, daß Fußnoten gelesen
werden. Auch vernetzte Lernumgebungen, wie Hypertexte, können durch die Verwendung
bestimmter Verknüpfungsarten völlig linear gestaltet werden: Zum Beispiel
ist es möglich, von jedem Knoten aus, jeweils nur einen anderen zugänglich
zu machen, so daß die lineare Struktur A-B-C-D-usw. entsteht. Für die hier
aus unterschiedlichen Quellen zusammengetragenen verschiedenen Dimensionen
von Lernbedingungen gilt weiters, daß sie weder theoretisch noch empirisch
einwandfrei abgesichert sind. Es liegen z.B. keine lerntheoretischen Modelle
vor, die die Zugriffsgeschwindigkeit auf Informationen oder das Problem der
Orientierung explizit in ihre Modellüberlegungen miteinbeziehen. Ein Grund
dafür liegt wohl darin, daß die im Zusammenhang mit den Lernbedingungen zu
findenden Begriffe häufig unklar definiert sind. In der oben berichteten Hypertext-Literatur
findet sich z.B. ein sehr undifferenzierter Begriff der Adaptivität, bei dem
nicht weiter untersucht ist, welche spezifische Facette von Adaptivität tatsächlich
von Hypertexten erreicht werden können (vgl. z.B. eine hervorragende begriffsanalytische
Untersuchung des Begriffes Adaptivität von Leutner, 1992, S. 7f). Schließlich
liegen auch nur in Einzelfällen (oben berichtete) empirische Studien vor,
die einerseits Unterschiede zwischen Lernbedingungen in linearen und vernetzten
Lernumgebungen belegen, andererseits überhaupt die Lernwirksamkeit unterschiedlicher
Lernbedingungen überprüfen.
Im Zusammenhang mit der vorliegenden Arbeit dient die Gegenüberstellung
erstens der Begründung der Notwendigkeit einer eigenständigen Untersuchung
des Lernens in Informationsnetzen und zweitens der Aufstellung von Bewertungshilfen,
anhand derer theoretische Ansätze zum Informationszugriff in Informationsnetzen
beurteilt werden können. Erstens ist aufgrund des oben Gesagten eine Studie,
die Lernen in vernetzten Lernumgebungen untersucht, im Hinblick auf die Forschungsdringlichkeit
dann gerechtfertigt, wenn sie vorwiegend vernetzte Strukturen aufweist. Für
die Untersuchung von Lernen in vernetzten Lernumgebungen, die vorwiegend lineare
Strukturen beinhalten, kann auf bereits bestehende Ergebnisse der traditionellen
linear-orientierten Textverarbeitungsforschung zurückgegriffen werden (vgl.
z.B. Mandl, 1981). Zweitens sind theoretische Ansätze zum Informationszugriff
demnach dann besonders leistungsfähig bzw. deren Implikationen besonders lerneffektiv,
wenn sie möglichst viele der Lernbedingungen berücksichtigen, die in Informationsnetzen
gelten (vgl. Kapitel 3).
Von den genannten Lernbedingungen in Informationsnetzen kann angenommen
werden, daß sie den Zugriff auf bzw. die Auswahl von Informationen beeinflussen.
Informationen werden in Informationsnetzen zum Aufbau von Wissen aufgerufen.
Die Art und Weise, wie bzw. ob überhaupt Informationen - repräsentiert in
Knoten - aufgerufen werden, beeinflußt das Wissen des Benutzers des Informationsnetzes.
Wird z.B. Information, die zur Bewältigung einer Aufgabe notwendig ist, nicht
aufgerufen, so ist es unwahrscheinlich, daß die Aufgabe richtig gelöst werden
kann (- wenn der Benutzer über kein Vorwissen verfügt -). Welche Knoten bzw.
wie Knoten in Informationsnetzen aufgerufen werden, stellt somit im Zusammenhang
mit Lernprozessen eine ganz entscheidende Frage dar. Als besonders typische
Art der Auswahl von Knoten in Informationsnetzen wird "Browsing"
angesehen.
2.3.Browsing als originäre Informationszugriffsart
in Informationsnetzen
Im ersten Teil dieses Abschnittes soll "Browsing" zusammen
mit anderen Knotenwahl- bzw. Informationszugriffsarten definiert werden. Im
zweiten Teil soll die Wichtigkeit der weiteren Untersuchung von "Browsing"
herausgearbeitet werden.
2.3.1.Definition: Browsing als freies Stöbern
in Informationsnetzen
Eine Reihe von Autoren verwenden den Begriff "Browsing",
ohne ihn näher zu definieren. Zum Beispiel wird in einem Hypertext-Kongreßband
von 1987 mit annähernd dreißig Artikeln "Browsing" nicht einmal
definiert (ACM, 1989). Auch z.B. im viel zitierten Sammelband von McAleese
+ Green (1990) mit ebensovielen Einzelaufsätzen wird "Browsing"
nicht explizit von anderen Informationszugriffsarten abgegrenzt. Die Bedeutung
von "Browsing" entspricht im Zusammenhang dieser Arbeiten der wörtlichen
deutschen Übersetzung als "Stöbern", "Schmökern"
oder "Blättern".
Cove + Walsh (1988) sehen Browsing als die Informationszugriffsart,
mit der bestimmte Informationsquellen durchsucht werden, ohne daß feste Ziele
oder konkrete Probleme, höchstens allgemeine Interessensprofile vorgegeben
sind. Marchionini + Shneiderman (1988, S. 71) definieren Browsing als
"an exploratory, information-seeking strategy that depends on serendipity.
It is especially appropriate for ill-defined problems and for exploring new
task domains". Duffy
+ Knuth (1990, S. 204) sehen Browsing als zielfrei an: "Der Schüler
wandert ziemlich frei durch die Datenbasis". Gloor (1990, S. 152)
versteht Browsing als "eine von Zufälligkeiten abhängende Informationsfindungs-Strategie,
die besonders gut geeignet ist für schlecht definierte und strukturierte Probleme
in einem Bereich, der dem Leser neu ist. In einem Buch oder in einem Lexikon
kann unter Browsing etwa das erforschende Herumblättern verstanden werden".
Hammwöhner (1990) meint, daß Browsing ungeachtet der konkreten Informationsquellen,
nicht ziel-, sondern verlaufsorientiert erfolgt, indem für die explorierten
Texte eine sinnvolle thematische Beziehung hergestellt wird. Browsing bedeutet
bei Kuhlen (1991, S. 126) "sich informieren, schmökern oder sich unverbindlich
umsehen im Kontext eines vagen Informationsbedürfnisses".
Der Begriff Browsing ist auch in Hinblick auf unterschiedliche Arten
des Informationszugriffes ("Information Retrieval") bestimmbar.
In diesem Zusammenhang wird zwischen "Suchen", "Navigieren"
und Browsing unterschieden. In der einschlägigen Literatur werden diese Begriffe
häufig verschieden definiert. Jonassen (1989, S. 33) differenziert nicht zwischen
Browsing und Navigieren. Nielsen (1990, S. 127f) unterscheidet lediglich zwischen
Suchen und Navigieren, Gloor (1990, S. 38) setzt Suchen mit Information Retrieval
gleich. Shneiderman + Kearsley (1989, S. 10f) unterscheiden zwar zwischen
Suchen und Browsing, fassen verschiedene andere Informationszugriffsarten
aber nicht unter dem Überbegriff Navigieren zusammen.
Beim Suchen werden (nach gemeinsamer Ansicht der Autoren)
Textteile nach dem Vorhandensein einer gewünschten Zeichenkette (String) abgesucht.
Für diese Form des Informationszugriffes werden in der Regel alphabetisch
geordnete Indizes verwendet. Der Informationsnetzbenutzer gibt ein Suchwort
ein und erhält dann vom Informationsnetz Rückmeldung darüber, ob zum betreffenden
Wort Knoten bzw. Informationen enthalten sind. Die vom Informationsnetz angezeigten
Knoten enthalten jeweils das Suchwort und können z.B. durch Maus-Klick aufgerufen
werden. Die relevanten Knoten werden in der Regel in Listenform dargestellt,
wodurch Knoten vom Informationsnetzbenutzer meist von oben nach unten ausgewählt
werden. Aufgrund dieser Vorgehensweise stellt der auf Suchen basierende Informationszugriff
ein linear-orientiertes Verfahren dar. Außerdem wird durch die Vorauswahl
aufgrund des Suchbegriffes, das Informationsangebot stark eingeschränkt. Verbindungen
zu anderen Knoten können nur über erneutes Suchen hergestellt werden, wodurch
der Aspekt der direkten Verknüpfung von Informationen in den Hintergrund tritt.
Durch diesen Umstand wird ein wesentlicher Aspekt des vernetzten Lernens in
Informationsnetzen nicht berücksichtigt oder zumindest eingeschränkt.
Navigieren stellt (weitgehend übereinstimmend) die
Art des Informationszugriffes dar, bei der der Benutzer vom Informationsnetz
zur Verfügung gestellte Orientierungsmittel benutzen kann. In diesem Zusammenhang
werden eine große Zahl solcher Hilfen unterschieden: Inhaltsverzeichnisse,
Register oder graphische Übersichten u.a. Navigieren ist eng an das Vorhandensein
von organisatorischen Verknüpfungen gebunden. Organisatorische Verknüpfungen
erhöhen wiederum die Linearität eines Informationsnetzes: Je mehr Navigationshilfen
bzw. je mehr organisatorische Verknüpfungen in einem Informationsnetz eingesetzt
werden, desto linearer bzw. z.B. buchähnlicher wird die zugrundeliegende Struktur.
Browsing besteht nach Kuhlen (1991, S. 26) in Abgrenzung
zu Suchen und Navigieren hingegen im freien Durchstöbern eines Informationsnetzes
auf der Basis der in den Knoten angebotenen inhaltlichen Verknüpfungen. "Frei"
meint, daß bei dieser Zugriffsart nicht auf Such- oder Navigationsmittel,
die im Informationsnetz angeboten werden, zurückgegriffen wird. Kuhlen (1991,
S. 127f) unterscheidet verschiedene Typen des Browsing durch Informationsnetze.
Ein erste Art stellt das "gerichtete Browsing mit Mitnahmeeffekt"
dar. Hier ist die Informationsaufnahme ursprünglich auf ein bestimmtes Ziel
gerichtet. Die Wahl von Knoten führt aber auch dazu, daß man auf verwandte
Themen stößt, nach denen man nicht gezielt gesucht hat, die aber dennoch interessant
sind. In der Regel verfolgt man seinen ursprünglichen Plan weiter, zu einer
bestimmten Information zu gelangen, nimmt aber zusätzliche Information mit.
"Gerichtetes Browsing mit ´Serendipity´-Effekt" ist dann
gegeben, wenn man bei der Suche nach einer Information von einer neuen so
einvernommen wird, daß das ursprüngliche Ziel vergessen oder irrelevant wird.
Zu Beginn ist man bei dieser Zugriffsart auf ein bestimmtes Ziel gerichtet.
Mit zunehmender Fortdauer wird Information frei assoziierend, gemäß ihrem
aktuellen Anreizwert, gewählt. Als "Ungerichtetes Browsing"
wird eine Informationszugriffsart bezeichnet, wo der Person zwar bewußt ist,
daß sie zur Lösung eines Problems Information benötigt, aber noch nicht welche.
Es ist kein konkreter Plan und auch keine Suchrichtung vorhanden. Beim "Assoziativen
Browsing" wird nicht mehr gezielt nach Informationen gesucht, sondern
sich vom Reizangebot treiben gelassen, bis kein Anreiz mehr vorhanden ist,
weiteren Informationen zu folgen. Mit zunehmender Fortdauer nimmt die Aufmerksamkeitsspanne
ab, und wenn weitere Assoziationen keinen Sinn machen, entsteht Desinteresse
und das Gefühl des lost-in-hyperspace.
Faßt man die vorliegenden Definitionsversuche
von Browsing zusammen, können zwei konstituierende, auf weitgehenden
Konsens beruhende Merkmale festgehalten werden. Browsing stellt freien Informationszugriff
mit variierendem Zielbezug dar. Frei bezieht sich auf den Aspekt, daß keine
Lernhilfen, in Form von Such- oder Navigationsmitteln genutzt werden, die
helfen ein Gegenstandsgebiet zu strukturieren. Variierender Zielbezug beschreibt
den Umstand, daß Entscheidungen für eine Knotenwahl bezogen auf ein vorgegebenes
Ziel, aber auch bezogen auf persönliche Anreize oder zufällig erfolgen können.
Diese hier entwickelte Definition von Browsing liegt allen weiteren Überlegungen
zugrunde.
2.3.2.Relevanz von Browsing in Informationsnetzen
Die weiteren Teile der vorliegenden Arbeit werden sich mit Browsing
als Informationszugriffsart beschäftigen. Die Bedeutung von Browsing im Umgang
mit Informationsnetzen soll deshalb im folgenden Abschnitt ausführlich behandelt
werden.
BROWSING ALS ADÄQUATE ZUGRIFFSART IN INFORMATIONSNETZEN
McAleese (1989) sieht die Möglichkeit des Browsing als zentral für
Informationsnetze an. Browsing ist die Informationszugriffsart, die dem vernetzten
Systemen zugrundeliegenden Grundprinzip am nächsten kommt, ohne Beschränkungen
bzw. Strukturierungen im Netz von Informationen frei wandern zu können. Duchastel (1990, S. 140f) drückt die Notwendigkeit der Einhaltung
dieses Prinzips folgendermaßen aus: "Flexibility is important in that
the user should feel comfortable in coming and going through the network ...
attempts to structure the information elements in particular ways, even if
these attempts are meant to assist the user in understanding the information
encountered, may instead do violence in some way to the user's particular
interest at the moment in time in the topic being explored. One should therefore
be cautions of structure." Whalley
(1993, S. 15) spricht von Browsing als der "natürlichsten und angemessensten
Studierart" im Umgang mit Informationsnetzen. Conklin (1987, S. 33)
schreibt, daß die für Browsing realisierten referenziellen Verknüpfungen "are
the kind of link that most clearly distinguishes hypertext". Wenn
Browsing (auf der Basis von assoziativen Verknüpfungen) die adäquateste bzw.
typischeste Informationszugriffsart in Informationsnetzen ist, liegt es nahe
- besonders bei geringem Untersuchungsgrad und aus Gründen der Abgrenzung
zu linearem Lernen - es zum zentralen Untersuchungsgegenstand zu machen.
DAS LERNPOTENTIAL VON BROWSING
In diesem Abschnitt soll geklärt werden, in welchem Ausmaß Browsing
lernwirksam sein kann. Das Lernpotential von Browsing besteht in Lernergebnissen,
die durch browsing-spezifische Nutzung von Informationsnetzen entstehen können.
Diskutiert werden muß diese Frage, da im Browsing-Zugriff auf Informationen
keine Lernhilfen vorhanden sind, die den Informationsnetzbenutzer unterstützen
könnten (vgl. Abschnitt 2.3.1.). Aufgrund des weitgehenden Fehlens von Lernhilfen
(z.B. Strukturierungen in Übersichten, etc.) können beim Browsing besondere
Lernschwierigkeiten vermutet werden. Es stellt sich die Frage, ob Browsing
trotz des Mangels an Lernhilfen lernwirksam sein kann. Kommers (1990, S. 203) formuliert diesem Umstand so: "Browsing
can easily become an activity where students can ´fail to see the wood for
the trees´". Auch ist es schwierig, mit Browsing Übersicht über ein Lernmaterial
zu gewinnen. Häufig wird übersehen, wie einzelne Knoten mit anderen thematisch
zusammenhängen oder es werden relevante Abschnitte gänzlich übersehen. Hammond
+ Allinson (1989) befragten Benutzer eines Hypertextes mit wenigen Knoten
nach einer Bearbeitungszeit von zwanzig Minuten, über den Anteil der bereits
gesehenen Knoten. Benutzer, die ohne zusätzliche Orientierungshilfen, den
Hypertext bearbeiteten, glaubten, den Großteil der Informationen gesehen zu
haben. Tatsächlich hatten sie jedoch nur einen kleinen Teil der relevanten
Informationen aufgerufen.
Browsing in Informationsnetzen kann zuerst einmal als "selbst-perpetuierender
Prozeß" angesehen werden (Crane + Mylonas, 1988, S. 27). Arbeitet
man mit einem Informationsnetz, ist in der Regel eine bestimmte Aufgabenstellung
oder ein bestimmtes Problem vorgegeben. Durch Erkundung des Informationsnetzes
wird versucht, dieses Problem zu lösen. Dabei wird Wissen angesammelt, das
sowohl bei der Lösung des Problems hilft, aber auch neue Probleme aufwirft.
Das neu entstandene Problem wird wieder durch Exploration des Informationsnetzes
versucht zu lösen, usw. (vgl. Abbildung 4). Browsing kann in diesem Sinne
deshalb lernwirksam sein, weil es ständig neue Lernaufgaben generiert und
deshalb den Lernprozeß in Gang hält. Damit kommt Browsing eine handlungsantreibende
Funktion zu. Dies dürfte garantieren, daß zumindest für eine bestimmte Zeitdauer
gelernt wird, obwohl nicht durch motivierende Maßnahmen von außen eingegriffen
wird.
Abbildung 4: Browsing als selbst-perpetuierender Prozeß
Traditioneller Weise werden Formen computergestützten Lernens - wozu
auch Lernen in Informationsnetzen gezählt werden kann - in zwei Ansätze geteilt:
dem Tutoriellen und dem Explorativen Ansatz. In der ersten Lernform wird der
Lernprozeß durch Lehraktivitäten gesteuert, während in der zweiten der Lerner
durch Erkunden einer Lernumgebung eigenkontrolliert Wissen erwirbt.
"Hardliners" der ersten Form propagieren Techniken der Künstlichen-Intelligenz-Forschung,
die die umfassende Abbildung des Wissens des Lerners und darauf abgestimmte,
"adaptive" (Leutner, 1992) Instruktion zum Ziel haben. Proponenten
des Explorativen Ansatzes meinen, daß es nicht notwendig ist, Schülerwissen
zu modellieren, um lerneffektiv zu sein. Es genügt, dem Schüler maximale Freiheit zu erlauben "to
explore information bases, to discover relationships for themselves and to
form integrated structures as their learning goals demand" (Hammond,
1992, S. 149). Im Zusammenhang mit Hypertext wird von "exploratory
hypertext" (Anderson-Inman, 1989, S. 22) gesprochen, dessen Hauptaufgabe
es ist, Informationen zu präsentieren, um einen Lerner die Möglichkeit zu
geben, "to explore the body of information incorporated into the system
and even transform or organize that information in ways which are compatible
with his/her individual needs and interests". Gerade dieses Erkunden in einem Informationsnetz findet beim Browsing
statt. Wird im Browsing-Modus auf Informationen zugegriffen, ist deshalb exploratives
Lernen realisiert, was auch dessen Lernwirksamkeit einschließt.
Auch wird angenommen, daß die Struktur von Informationsnetzen deshalb
lernfördernd ist, weil sie zu Gedächtnisstrukturen kompatibel ist (Jonassen,
1989, S. 23f). Knoten und Verknüpfungen in Informationsnetzen entsprechen
den Knoten und Verknüpfungen in netzwerkorientierten Gedächtnismodellen. Ein
Informationsnetz und damit der Zugriff auf Informationen durch Browsing ist
deshalb lernwirksam, weil Knoten und Verknüpfungen so strukturiert sind, daß
sie quasi internal vom Lerner übernommen werden können. Bei Collins + Loftus
(1975) z.B. entsprechen Knoten Konzepten. Das begriffliche Netzwerk ist entlang
von Linien semantischer Gleichheit organisiert. Je mehr Eigenschaften zwei
Konzepte gemeinsam haben, desto mehr Verbindungen - realisiert über die gemeinsamen
Eigenschaften - bestehen zwischen diesen Knoten. Das bedeutet z. B., daß die
Begriffe "Auto" und "Lastwagen" aufgrund ihrer vielen
gemeinsamen Merkmale stark verknüpft sind. Das heißt aber auch, daß z. B.
beliebig rote Gegenstände (z.B. Kirschen, Feuerwehrautos, etc.) nicht eng
verbunden sind mit Ausnahme der einen Eigenschaft, die sie gemeinsam aufweisen.
Demnach ist die semantische Verbindung zwischen Konzepten durch Ansammlungen
von Verbindungen zwischen Konzepten gegeben. In Bezug zu Informationsnetzen
würden diese Annahmen heißen, daß Knoten Konzepten entsprechen. Kanten ergeben
sich über gemeinsame Eigenschaften der Knoteninformationen. Knoten mit vielen
gemeinsamen Eigenschaften würden dann häufiger mit anderen verknüpft sein,
als Knoten mit wenigen oder keinen gemeinsamen Eigenschaften. Auch die Gedächtnismodelle
von Collins + Quillian (1969), Rumelhart, Lindsay + Norman (1972), Anderson
(1983) oder Klimesch (1988) enthalten strukturelle Komponenten, die direkt
mit dem Aufbau von Informationsnetzen in Verbindung gebracht werden können.
Knoten und Verknüpfungen in realisierten Informationsnetzen sind häufig in
ihrer Struktur Gedächtnismodellen sehr ähnlich. Diese Ähnlichkeit entsteht
- in der derzeitigen Praxis der unsystematischen Gestaltung von Informationsnetzen
- aber eher zufällig. Da der Aufbau von Informationsnetzen von Autoren häufig
auf der Basis eigenen, gespeicherten Wissens beruht, kann davon ausgegangen
werden, daß zumindest zu einem Teil Gedächtnisstrukturen in Informationsnetzstrukturen
abgebildet werden. Mit dem Aufruf von Knoten im Browsing wird diesen Strukturen
"nachgegangen", was zu einer Internalisierung der in den Knoten
enthaltenen Information und deren Relationen führt. Diese Annahmen entbehren
zwar einer empirischen Untersuchung, stellen aber zumindest plausible Hypothesen
dar, so daß eine Lernwirksamkeit von Browsing zumindest hypothetisch angenommen
werden kann.
Bei der Wanderung durch ein Informationsnetz werden aufgrund von
Orientierungsproblemen viele Knoten aufgerufen, die wenig mit der vorgegebenen
Aufgabenstellung zu tun haben. Damit der Lerner weiß, ob die Information im
Knoten relevant ist oder nicht, ist er gezwungen, sich den Text auch in diesen
Knoten durchzulesen. Dabei tritt inzidentelles Lernen auf. Es
findet statt, wenn "acquisition of knowledge occurs despite a lack
of intention" (Jones, 1989, S. 238). Da im Browsing-Zugriff ohne lernunterstützende
Maßnahmen mit variierendem Zielbezug vorgegangen wird (vgl. die Definition
von Browsing im Abschnitt 2.3.1.), kommt es häufig zu Situationen, wo völlig
unbekannte Informationen auf ihre Relevanz für die Aufgabenstellung zu überprüfen
sind. Gerade durch dieses Vorgehen kann das Auftreten von inzidentellem Lernen
erwartet werden.
Weyer (1988, S.92) faßt die wichtigsten Lernangebote eines
Informationsnetzes in folgender Gegenüberstellung zusammen (vgl. Abbildung
5):
(...)
Abbildung 5: Lernangebote in Informationsnetzen (nach Weyer, 1988,
S. 92)
"RequestSystem´s
interpretation
Tell meGive me the facts, no embellishments
Inform meGive me the facts plus background and
other viewpoints
Amuse meFind interesting connections or
perspectives
Challenge meMake me find or create connections
or insights
Guide meSuggest pathways but let me browse
Teach meProvide step-by-step guidance".
Zumindest vier Lernangebote (Faktendarstellung, Bereitstellung von
weiterführender Information, Motivierung und Vertiefung) treten auch im Browsing
auf: Durch Browsing kann auf Knoten zugegriffen werden, die Fakten- und weiterführende
Information beinhalten. Das eigenkontrollierte Erkunden im Browsing dürfte
auch hohen Motivationswert haben und zur vertiefenden Auseinandersetzung mit
einer Thematik anregen. In Informationsnetzen, die nur auf den Browsing-Zugriff
ausgerichtet sind, werden keinerlei lernunterstützende "Guide"-
oder "Teach"-Maßnahmen gesetzt. Damit werden im Browsing zumindest
vier von sechs von Weyer (1988) angegebenen Lernangeboten realisiert, was
Lernwirksamkeit von Browsing erwarten läßt.
Jonassen
+ Grabinger (1990, S. 9f) sehen "three learning processes seem
to be best supported by hypermedia": Informationssuche, Wissenserwerb
und Problemlösung. Durch große und vernetzte Informationsmengen
sind Informationsnetze gut für die Suche neuer Informationen geeignet. Wissenserwerb
in Informationsnetzen setzt sich zusammen aus der Speicherung, der Restrukturierung
und der Feinabstimmung von Information. Speicherung betrifft die Aufnahme
bzw. das Einfügen von Informationen in bestehende Wissensstrukturen. Durch
Wandern im Informationsnetz können Informationen entdeckt werden, die für
die gestellte Aufgabe relevant sind und dann im Gedächtnis gespeichert werden.
Bei Restrukturierungsprozessen werden bestehende Wissensteile neu miteinander
verknüpft. Diese Art des Wissenserwerb wird dadurch unterstützt, daß durch
die Verknüpfung von Information bestimmte Teile immer wieder aus neuen Blickwinkeln
betrachtet werden können. Die Feinabstimmung dient dazu, erworbenes Wissen
effizienter zu machen. Wissensstrukturen werden an unterschiedliche Kontextbedingungen,
z.B. Aufgabentypen angepaßt. Erworbenes Wissen kann in neuen, unbekannten
Bereichen des Informationsnetzes auf seine Richtigkeit hin überprüft werden.
Problemlösung besteht darin, die vorgegebene Fragestellung einzugrenzen, Handlungspläne
für die Lösung einer gestellten Aufgabe zu entwerfen und zu bewerten, ob sich
eine Aufgabenlösung mit einem angemessenen Aufwand realisieren läßt. So kann
z.B. durch Sich-Umschauen im Informationsnetz das Ausmaß der Detailliertheit
von Information abgeschätzt werden, was in der Folge z.B. Lernstrategien beeinflußt.
Die angesprochenen Lernprozesse bzw. -ergebnisse treten in allen Formen von
Informationsnetzen auf, deshalb auch bei allen Arten des Informationszugriffes,
was für eine potentielle Lernwirksamkeit von Browsing spricht.
Hammond (1993, S. 60) sieht schließlich zwei Effekte, die auf Browsing
bezogenes Lernen in Informationsnetzen ausmachen: den "enactment effect"
und den "generation effect". Erster besagt, daß etwas dann
besser erinnert werden kann, wenn es aktiv durchgeführt und nicht nur vorgestellt
wurde. Zweiter bezieht sich auf den Umstand, daß die Erinnerung verbessert
wird, wenn der Lehrstoff selbst erarbeitet wird als wenn er durch andere bereitgestellt
wird. Beide Effekte sind für Browsing relevant, weil in dieser Zugriffsform
eigenständig Knoten ausgewählt und Wissen mit aktivem Handeln erarbeitet werden
muß.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, daß Browsing
eine Reihe von Eigenschaften aufweist, die seine Lernwirksamkeit zumindest
plausibel erscheinen lassen. Die Lernwirksamkeit von Browsing als zentrale
Informationszugriffsart in Informationsnetzen gründet sich darauf, daß es
selbst-perpetuierend ist; daß es explorativ ist; daß es kognitiv kompatibel
angenommen wird; daß es inzidentelles Lernen ermöglicht; daß es eine Reihe
wichtiger Lernangebote schafft; daß es gezielt bestimmte Formen des Wissenserwerbs
fördert und daß es Aktivitätseffekte unterstützt. Ob diese gemachten Annahmen
tatsächlich zutreffen, bedarf allerdings einer weiteren empirischen Untersuchung.
Dennoch dürfte es gerechtfertigt sein die ausgearbeiteten potentiellen Lerneffekte
von Browsing wiederum als Kriterien für die Beurteilung der Leistungsfähigkeit
von theoretischen Ansätzen zum Informationszugriff zu benutzen. Ein theoretischer
Ansatz wäre demnach einem anderen vorzuziehen, wenn er mehr browsingspezifische
Lerneffekte umsetzbar macht bzw. berücksichtigt (vgl. Kapitel 3).
PRAXISRELEVANZ UND UNTERSUCHUNGSGRAD VON
BROWSING
Browsing stellt die Informationszugriffsart dar, die am häufigsten
in bestehenden Hypertexten erreicht wird. Der Grund dafür liegt darin, daß
Browsing meist über referenzielle Verknüpfungen realisiert wird. Sie stellen
die Verknüpfungen dar, die am meisten in bestehenden Hypertext-Umgebungen
eingesetzt werden (Kuhlen, 1991, S. 105). Ein weiteres Argument betrifft den
Realisierungsaufwand. Browsing wird in der Regel über referenzielle Knotenverknüpfungen
realisiert, was viel geringeren Aufwand für den Aufbau einer Hypertextbasis
bedarf als die Implementation von Such- oder Navigationsmitteln. Der Realisierungsaufwand
ist für die Anwendung von Hypertext-Systemen in der Praxis ein entscheidender
Faktor. Heutzutage werden wenig leistungsfähige Programme hochleistungsfähigen
häufig vorgezogen, weil diese einzig weniger Entwicklungsaufwand erfordern
(vgl. Kunz + Schott, 1987, S. 182).
Auch aufgrund der dargestellten praktischen Bedeutung von Browsing
kann eine besondere Untersuchung begründet werden. Diese Einschätzung bekommt
besonderes Gewicht, wenn man berücksichtigt, daß die wenigen empirischen Untersuchungen,
die zu Informationszugriffsarten vorliegen, sich vorwiegend mit dem Einsatz
von Navigations- und Suchmöglichkeiten und nicht mit Browsing beschäftigen.
Tripp + Roby (1990) untersuchten, welche Auswirkungen graphische und an Advanced
Organizers-orientierte Navigationshilfen in Hypertexten auf das Lernen von
japanischen Vokabeln haben. Marchionini, et al. (1990) erfaßten Unterschiede im Suchverhalten
während der Arbeit mit Hypertexten, die auf der Nutzung von Zeichenketten-Suche
oder von Indizes als Navigationshilfen bezogen waren. Simpson + McKnight (1990)
stellten alphabetische Indizes einer hierarchischen Inhaltsliste gegenüber.
Die Untersuchung von Wright + Lickorish (1990) befaßte sich mit Index-Navigation
im Vergleich zu semantisch strukturierten Übersichten. Umfangreiche Aufstellungen
von Untersuchungen zur Navigation und Suche als Informationszugriffsart liegen
von McAleese + Green (1990) und Story + Harvey (1991) vor. Im Zusammenhang
mit Browsing liegen einige Untersuchungen vor, die wenig Relevanz in Bezug
zur vorliegenden Fragestellung haben. Patterson + Egido (1987) untersuchten
z.B. die Anzahl der von Benutzern eines Informationsnetzes gewählten Knoten
in Abhängigkeit von der Reaktionsschnelligkeit des verwendeten Computersystems.
Als Ergebnis zeigte sich, daß Benutzer je mehr Knoten aufrufen, je schneller
der Vorgang des Aufrufens durchgeführt werden kann. Durch die große Leistungsfähigkeit
aktueller Computersysteme spielt die Reaktionsschnelligkeit keine Rolle mehr,
da alle Geräte neueren Baujahrs annähernd gleich leistungsfähig sind. Relevantere
Untersuchungen im Zusammenhang mit Browsing werden in den Kapiteln 3 und 4
dargestellt.
2.4.Zusammenfassung: Konzeptueller Rahmen
der Arbeit
Die Zusammenfassung des zweiten Kapitels und die Überleitung zum
nächsten Kapitel der Arbeit können am leicht veränderten "Konzeptuellen
Modell zur Gestaltung instruktionaler Hypermedia" (Morariu, 1988,
S. 18f) geleistet werden (vgl. Abbildung 6).
Abbildung 6: Ein konzeptuelles Modell zur Gestaltung von Informationsnetzen
(...)
(nach Morariu, 1988, S. 18)
Lernen in Informationsnetzen kann demgemäß dahingehend unterschieden
werden, welche lernrelevanten Persönlichkeitseigenschaften die Benutzer aufweisen;
welche Lehrziele mit der Arbeit in Informationsnetzen verbunden sind und welches
pädagogische Modell zugrundegelegt wird. Weitere Unterscheidungsmerkmale bilden,
in welcher Art und Weise auf Informationen zugegriffen wird, wie die Knoten
miteinander verbunden sind, aus welchem Typus von Information sie bestehen
und welchen Gegenstandsbereich sie abbilden.
Wichtige als lernwirksam erachtete Persönlichkeitseigenschaften
finden in der vorliegenden Arbeit Berücksichtigung. Den Grad der Wichtigkeit
werden theoretische und empirische Analysen in den Kapiteln 3, 4 und 5 festlegen.
Da durch Browsing zentrale Lernangebote realisiert werden, können verschiedenartige
Lehrziele im Bereich der Informationssuche, des Wissenserwerbs und
der Problemlösung Berücksichtigung finden. Das der Untersuchung zugrundeliegende
pädagogische Modell ist an explorativem Vorgehen orientiert. Damit
sind Prinzipien der kognitiven Kompatibilität, des inzidentellen Lernens,
der Aktivitäts- und Herstellungseffekte berücksichtigt. Unberücksichtigt bleiben
tutorielle Eingriffe in das Lerngeschehen. Browsing wird als näher
theoretisch und empirisch zu untersuchende Informationszugriffsmethode ausgewählt.
Untersucht werden vernetzte Strukturen, die weitgehend auf referenziellen
Verknüpfungen beruhen. Sie kommen in bestehenden Praxisrealisierungen von
Informationsnetzen am häufigsten vor. Nicht berücksichtigt werden Suchen und
Navigieren als linear-orientierte Informationszugriffsart und die diesen Zugriffsarten
zugrundeliegenden organisatorischen Strukturen (vgl. die Zusammenfassung in
Abschnitt 2.1.). Die Information in den Knoten, die in der Folge berücksichtigt
wird, besteht aus Text. Andere Formate werden nicht untersucht, da
durch die Miteinbeziehung von Graphik oder Ton zusätzliche lernrelevante Faktoren
zu betrachten wären, was zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht ratsam erscheint.
Aufgrund des geringen Untersuchungsgrades sollte zuerst Lernen in Informationsnetzen
auf dem weniger komplexen Textformat bezogen untersucht werden. Im Bereich
des Lerninhaltes finden in der vorliegenden Arbeit keine Einschränkungen
statt. Derzeit liegen keine Aussagen darüber vor, daß Informationsnetze nur
für bestimmte Gegenstandsbereiche als Lernumgebung geeignet wären.
3.Aspekte des Informationszugriffes in Informationsnetzen
In diesem Kapitel der Arbeit soll geklärt werden, wie bzw. nach welchen
Kriterien Benutzer von Informationsnetzen auf Knoten zugreifen. Nach den im
zweiten Kapitel gemachten Eingrenzungen werden Ansätze dargestellt, die Informationsverarbeitung
in vernetzten Strukturen betrachten, in denen keine Such- oder Navigationshilfen
gegeben werden. Bezüglich vernetzter Strukturen ist zu berücksichtigen, daß
es sich bei den dargestellten Ansätzen, entweder um solche handelt, deren
theoretische Beziehungen - die im Zusammenhang mit Lernen bzw. Informationszugriff
stehen - in einer vernetzten Struktur dargestellt werden, oder um solche,
die ihre Aussagen aus Beobachtungen von Verhalten gewonnen haben, das in vernetzten
Lernumgebungen gezeigt wurde.
Von Ansätzen, die lernrelevante Prozesse in vernetzter Struktur beschreiben,
kann erwartet werden, daß sie Lernbedingungen, die in Informationsnetzen gegeben
sind, implizit oder explizit in ihre Modellüberlegungen miteinbeziehen. Prinzipiell
ist allerdings auch richtig, daß Netzwerk-Modelle häufig nur andere Darstellungsarten
herkömmlicher z.B. algebraischer oder ablauf-orientierter Modelle sind. Ein
wesentlicher Vorteil von Modellen mit vernetzter Struktur liegt nach Kuhl
(1983, S. 116) allerdings darin, daß sie stärker die Komplexität von Informationsverarbeitungsprozessen
in die theoretischen Überlegungen mitberücksichtigen. Hingegen wird von Ansätzen,
die vernetzte Strukturen außer Acht lassen, dies nicht oder nur unzureichend
erwartet, so daß hier auf ihre Berücksichtigung verzichtet wird (vgl. z.B.
eine neuere Aufstellung von Ansätzen der traditionellen auf lineare Strukturen
bezogenen Textverarbeitungsforschung in: Christmann, 1989, S. 35f) .
Die Berücksichtigung von Such- oder Navigationshilfen würde - wie
oben ausgeführt - erstens die Abgrenzung zu linearen Lernumgebungen erschweren
und zweitens die Untersuchung der bedeutsamsten (und wenig untersuchten) vernetzten
Informationszugriffsart, nämlich der des Browsings unmöglich machen. Wird
außerdem Lernen in diesem "freien" Kontext behandelt, können Aufschlüsse
in Reinkultur gewonnen werden, d.h. originäre Lernbedürfnisse können ermittelt
werden, die nicht durch vorgegebene Lernhilfen beeinflußt bzw. gestört sind.
Davon wird lernrelevanteres Wissen für die intelligente Gestaltung von vernetzten
Lernumgebungen aber auch für die individuumszentrierte Ausbildung erwartet
als von der Untersuchung von Informationsnetzen, die meist unzureichende Hilfsmittel
bzw. einen hohen Strukturierungsgrad aufweisen.
Im besonderen Ausmaß finden Ansätze Berücksichtigung, die aus dem
Bereich der Kognitiven Psychologie und der Informatik stammen. Grundsätzlich
werden jene Ansätze dargestellt, die weitgehend in diesen Forschungsbereichen
entwickelt wurden und die Beschreibung bzw. Erklärung von Informationszugriffsverhalten
zum Ziel haben. Da die Forschungsthematik relativ neu ist, weisen eine große
Zahl der vorhandenen Ansätze unzureichende theoretische und methodische Qualität
auf: Sie genügen häufig nicht den Kriterien, die von seiten der empirischen
Sozialforschung an die Beurteilung von Theorien und empirischen Untersuchungen
angelegt werden (vgl. z.B. den Kriterienkatalog von Holt, 1982, S. 14f). Dennoch
werden auch solche Ansätze dargestellt, da ihnen zumindest eine hypothesenerkundende
Funktion zugeschrieben werden kann. Viele dieser Ansätze sind noch in keinster
Weise empirisch untersucht worden. Ein gewisser und damit ihre Nennung rechtfertigender
"empirischer Gehalt" kommt den Ansätzen dennoch zu, weil sie entweder
von Informationsnetz-Experten stammen oder im Zuge von (unsystematischen)
Beobachtungen von Informationsnetzbenutzern gewonnen wurden. Im ersten Fall
verkörpern die Ansätze Wissen, das meist in jahrelanger (empirischer) Erfahrung
gewonnen wurde. Im zweiten Fall betreffen sie zumindest die in der Praxis
auftretenden auffälligsten Phänomene.
Relevante Ansätze wurden mit Hilfe einer EDV-Literaturrecherche gefunden.
Dabei wurden die Datenbanken ERIC, PSYNDEX, PSYCHLIT, SSCI, BIP, VLB und DISSERTATION-ABSTRACTS
herangezogen. Auf diese Weise wurden sowohl einschlägige Zeitschriften, als
auch Bücher und Dissertationen erfaßt. Zusätzlich wurden eine Reihe von häufig
in der Literatur zitierten Autoren um graue Literatur angeschrieben. Der Suchzeitraum
umfaßte Arbeiten, die von 1975 bis 1993 erschienen waren. Als deutsche (und
ins Englische übersetzte) Suchschlagworte samt aller relevanter Deklinationen
fungierten: "Hypertext", "Hypermedia", "Informations-Netz(werk)e",
"Informationszugriff", "Browsing" und aufgrund der inkonsistenten
Begriffsverwendung auch "Navigieren" und "Suchen".
Als eine erste Systematisierungsleistung der vorliegenden Arbeit
werden die behandelten Ansätze unterschiedlichen globalen Aspekten des Lernens
in Informationsnetzen zugeordnet. Dabei wird browsing-spezifischer Informationszugriff
aus fehlerspezifischer Perspektive, aus motivations- und emotionstheoretischer
Perspektive, als Reisen durch Informationsräume, aus begriffsbezogener Perspektive,
auf der Basis gemischter Modelle und als strategisches Vorgehen dargestellt.
Jene Bereiche, die die meisten Sub-Modelle bzw. die die höchste Integrationsleistung
aufweisen, werden gegen Ende dieses Kapitels dargestellt. Als Abschluß jedes
Abschnittes sollen die gefundenen Ansätze - an einzelnen Aspekten exemplarisch
festgemacht - bewertet werden. Nach jedem Abschnitt soll bewertet werden,
a) inwieweit die angeführten Ansätze die in Abschnitt 2.2. erarbeiteten Lernbedingungen
in Informationsnetzen berücksichtigen; b) inwieweit sie das im Abschnitt 2.3.2.
dargestellte Lernpotential von Browsing realisierbar machen und c) welche
Forschungsdefizite hinsichtlich des Informationszugriffes in Informationsnetzen
in den jeweiligen Ansätzen gegeben sind. Die Lernbedingungen in Informationsnetzen
und das browsing-spezifische Lernpotential stellen somit sachinhaltliche Kriterien
dar, die zur Beurteilung der Leistungsfähigkeit der dargestellten Ansätze
herangezogen werden. Damit wird in diesem Kapitel nicht nur eine umfassende
und systematische Aufstellung von Ansätzen des Informationszugriffes geleistet,
sondern auch eine an Kriterien - die in dieser Arbeit elaboriert wurden -
orientierte Bewertung.
3.1. Informationszugriff aus fehlerspezifischer
Perspektive
Wird der Informationszugriff in Informationsnetzen aus fehlerspezifischer
Perspektive betrachtet, steht im Vordergrund, welche falschen bzw. zu Mißerfolgen
führenden Handlungen von Informationsnetzbenutzern gezeigt werden. Im einzelnen
werden "mechanische", "konzeptuelle" und
"reduktive" Fehler bzw. Fehlerursachen unterschieden.
"MECHANISCHE" UND "KONZEPTUELLE" FEHLER IM INFORMATIONSZUGRIFF
(BORGMAN 1987)
Die Arbeit von Borgman (1987) faßt eine Reihe von Forschungsergebnissen
zusammen, die bei der computergestützten Nutzung von Bibliothekskatalogen
erzielt wurden. Die in Bibliothekskatalogen installierten untersuchten Informationssuch-Systeme
("informational retrieval systems") bestanden aus wenigen
bis zu vielen hundert Datenbanken mit mehreren Millionen Fällen, auf die in
der Regel mit Hilfe von Suchprozeduren, aber auch durch Browsing zugegriffen
werden konnte. Beobachtet wurde nicht der erfolgreiche Informationszugriff
("retrieval" oder "searching behavior"),
sondern Probleme, die dabei auftraten. Durch Fehleranalysen sollten falsches
und fehlendes Wissen gefunden werden, die ein umfassenderes Verständnis des
Informationszugriffes erlauben als die alleinige Betrachtung von erfolgreichen
Zugriffen.
Informationszugriff
wird als ein "complex process of articulating an information need,
often ambiguous, into precise words and relationships that match the structure
of the system being searched" angesehen (ebd., S. 37). Zwei Typen von Wissen sind notwendig, um den Informationszugriff
erfolgreich zu gestalten: "mechanisches" und "konzeptuelles"
Wissen. Erstes bezieht sich auf die technische Bedienung des Systems, zweites
auf Strategien der Informationssuche. Mechanische Fehler bestehen demnach
aus nicht korrekten Eingaben an der Mensch-Computer-Schnittstelle (z.B. falsche
Bedienung der Maus zur Knotenauswahl), die zu nicht gewünschten Informationen
bzw. Unterbrechungen oder Abbrüchen des Informationszugriffes führen. Konzeptuelle
Fehler betreffen zu Mißerfolg führende Denk- und Problemlöseprozesse,
die den Informationszugriff steuern. Als besonders wichtig für das Ausmaß
an Information, das nach erfolgtem Zugriff erinnert werden kann, wird der
Anteil an relevanten Knoten an den gesamt aufgerufenen Knoten angesehen. Dieser
Anteil stellt gleichzeitig ein schwer zu lösendes Dilemma dar: Werden viele
Knoten aufgerufen, werden auch irrelevante Informationen gespeichert. Werden
wenige Knoten aufgerufen, können relevante Informationen übersehen werden.
Auch die sich wechselnden Bedingungen des Informationszugriffes anpassenden
Strategien stellen wichtige Teile konzeptuellen Wissens dar. Sie betreffen
die Unterschiedlichkeit und das Ausmaß der Kombination der eingesetzten Strategien
und beinhalten häufig den Fehler, daß "even experienced searchers
use only the most basic techniques of selecting and combining terms and that
they enter only one search strategy, without modifying online based on intermediate
results" (ebd., S. 39). Außerdem besteht konzeptuelles Wissen auch
aus Wissen über die Struktur und die Art und Weise, wie Daten im Informationsnetz
gespeichert sind. Rund zehn Prozent aller nicht erfolgreichen Informationszugriffe
sind darauf zurückzuführen, daß Mängel in dieser Wissenskomponente vorliegen.
Fehlerhafte Informationszugriffe werden durch eine Reihe von Persönlichkeitseigenschaften
beeinflußt angenommen. So spielen die Erfahrung mit dem Informationsnetz,
mit dem abgebildeten Inhaltsbereich, Benutzungshäufigkeit, Erfahrung mit anderen
Computersystemen und bestimmte Persönlichkeitsvariablen eine Rolle. Allgemein wird angenommen und mit (geringer) empirischer Evidenz
belegt, daß "those with more experience on the system or database
search more quickly, make fewer errors, and search more extensively; that
more frequent searchers use more of all types of commands and are more likely
to use the advanced system capabilities and are less likely to end the search
immediately after an error; and that those with more experience on other computers
perform better on multiple measures of search performance" (ebd.,
S. 41). Alter, Geschlecht und Schulbildung haben
nur einen indirekten Einfluß auf erfolgreiches Arbeiten mit Informationsnetzen
in der Weise, daß sie die Häufigkeit der Nutzung beeinflussen. Einen direkten
und signifikanten - wenn auch geringen - Effekt zeigt eine naturwissenschaftlich-technische
gegenüber einer geisteswissenschaftlichen Ausbildung. Geringe und partielle
Korrelationen mit fehlerhaftem Informationszugriff wurden auch mit Studierstrategien,
Assoziationsleistungen und allgemeinen logischen Fertigkeiten im symbolischen
Schließen gefunden.
"REDUKTIVE" FEHLER (SPIRO, COULSON, FELTOVICH + ANDERSON
1988)
Informationsnetze stellen nach Ansicht von Spiro, Coulson, Feltovich
+ Anderson (1988, S. 6) "komplexe und unstrukturierte Lernumgebungen"
zur Erreichung von "advanced knowledge acquisition" dar.
Bei dieser Art des Wissenserwerbs kommt dem Informationsnetzbenutzer die Aufgabe
zu, ein tiefes Verständnis des Gegenstandsbereiches zu gewinnen, Schlüsse
zu ziehen und Wissen in diversen Kontexten flexibel anwenden zu können. "Komplexe
unstrukturierte Lernumgebungen" beschreiben die Autoren als solche,
wo "many concepts (interacting contextually) are pertinent in the
typical case of knowledge application, and that their patterns of combinations
are inconsistent across case application of the same nominal type"
(ebd., S. 2). Um in diesen Lernumgebungen erfolgreich lernen zu können, müssen
"kognitiv flexible" mentale Repräsentationen entwickelt werden.
Dieser Typ von Wissen weist eine Reihe von Eigenschaften auf: a) gleiche Sachverhalte
werden unter verschiedenen Gesichtspunkten - "multipel" -
abgebildet; b) der zum Wissensaufbau notwendige Prozeß stellt ein multidirektionales
"Hin und Her" zwischen Anwendungsfällen (z.B. Beispielen) und Konzepten
dar und c) Wissenslücken werden durch situationsspezifische Berücksichtigung
verschiedener Informationsquellen gefüllt.
Durch die hohe Komplexität dieses Wissenserwerbsprozesses treten
allerdings "reduktive" Fehler auf. Sie bestehen darin, daß
komplexe Zusammenhänge nicht beachtet bzw. vereinfacht werden. Sechs typische
Fehler wurden im Zusammenhang mit dem Erwerb von bio-medizinischen Konzepten
entdeckt und können nach Aussagen der Autoren auf den Informationszugriff
in Informationsnetzen übertragen werden. Einen ersten Fehler stellt der Verlaß
auf einen einzelnen Aspekt des Informationszugriffes dar. In Informationsnetzen
führt das dazu, daß die Informationen von Knoten im Lichte nur einer Theorie
oder nur eines Konzeptes verarbeitet bzw. gespeichert werden. Auch der Verlaß
auf die "top down"-Verarbeitung von Knoten führt zu Fehlern. Dabei
werden Knoten auf der Basis abstrakter Konstrukte aufgerufen, ohne spezifische
Information aus den in der Vergangenheit gewählten Knoten bei der weiteren
Knotenwahl zu berücksichtigen. Im Falle der kontext-unabhängigen Verarbeitung
wird außer Acht gelassen, daß Informationen in unterschiedlichen Kontexten
unterschiedliche Bedeutung haben. Verknüpfungen zu anderen Knoten, die den
gewählten Knoten unterschiedliche Bedeutung annehmen lassen, werden nicht
genutzt, weil keine neue Information erwartet wird. Auch der Verlaß auf idente
Rezepte bei unterschiedlichen Problemen stellt einen Fehler dar. Dabei werden
Knoten immer bezogen auf das gleiche Kriterium aufgerufen, unabhängig davon,
ob z.B. ein Orientierungsproblem gelöst werden soll oder ob z.B. spezifische
begriffliche Information gesucht wird. Ein weiterer Fehler ergibt sich durch
die Annahme der Unabhängigkeit von Wissenskomponenten. Hierbei wird übersehen,
daß Informationen in verknüpften Knoten in ihrer Bedeutung einander beeinflussen.
Schließlich stellt auch die passive Aneignung von Wissen einen Fehler dar.
Dies ist dann der Fall, wenn sich der Informationsnetzbenutzer darauf verläßt,
Anweisungen für den Wissenserwerb in irgendwelchen Knoten zu erhalten und
keine eigenen Strategien entwickelt.
BEWERTUNG FEHLERSPEZIFISCHER ANSÄTZE ZUM
INFORMATIONSZUGRIFF
Berücksichtigung von nicht-linearen Lernbedingungen: Da in Informationsnetzen strukturelle Bedingungen gegeben sind,
die Lernschwierigkeiten (z.B. Arbeitsgedächtnisüberlastung oder Orientierungslosigkeit)
verursachen können, ist es notwendig, sich mit Fehlern im Informationszugriff
zu beschäftigen. Stellt man die angeführten Fehlermöglichkeiten den in Informationsnetzen
angenommen Lernbedingungen gegenüber (vgl. Abschnitt 2.2.), können eine Reihe
von Verbindungen hergestellt werden. Das Auftreten von mechanischen Bedienungsfehlern
könnte z.B. mit der Zugriffsschnelligkeit in Zusammenhang gebracht werden:
Wird zu schnell auf Knoten zugegriffen, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit
von Bedienungsfehlern, die Lernstörungen verursachen. Die Relation von relevanten
und nicht relevanten aufgerufen Knoten als möglicher konzeptueller Fehler
kann im Zusammenhang mit Ablenkungsprozessen bzw. Mitnahmeffekten gesehen
werden: Werden zu viele nicht relevante Knoten aufgerufen, besteht die Gefahr,
daß häufig nicht-lehrzielorientiertes Wissen gelernt wird. Wissen über die
Struktur des Informationsnetzes dürfte die Orientierung erleichtern und damit
den Effekt des lost-in-hyperspace verhindern oder zumindest dessen Auftretenshäufigkeit
verringern. Die Beurteilung reduktiver Fehler hinsichtlich ihrer Berücksichtigung
von Lernbedingungen ist weniger eindeutig. Bezüglich dieser Fehlerart ist
nicht geklärt, inwieweit beim Informationszugriff nicht doch reduktiv vorzugehen
ist, was notwendig erscheint, wenn als eine häufig auftretende Lernbedingung
in Informationsnetzen der Zustand kognitiver Überladung angesehen wird. Reduktive
Prozesse im Informationszugriff stellen demnach nicht nur Fehler dar - wie
es von den Autoren gesehen wird -; sie stellen auch eine strategische Notwendigkeit
dar, um z.B. das Arbeitsgedächtnis nicht zu überlasten oder Mitnahmeeffekte
nicht zu groß werden zu lassen.
Berücksichtigung von browsing-spezifischem
Lernpotential: Im Abschnitt 2.3.2. wurde das Lernpotential der Informationszugriffsart
Browsing besprochen. In diesem Zusammenhang ist es eine wichtige Frage zu
klären, inwieweit durch Berücksichtigung der beiden fehlerspezifischen Ansätze
dieses Lernpotential betroffen ist. Prinzipiell kann behauptet werden, daß
Browsing dann besonders lernwirksam ist, wenn wenige Fehler im obigen Sinne
gemacht werden. Andererseits ist Browsing auch deshalb lernwirksam, weil es
exploratives Erkunden der Lernumgebung beinhaltet. Bei dieser Erkundung wird
eigenkontrolliert vorgegangen. Da Informationsnetzbenutzer in der Regel Schülerstatus
aufweisen, also deren Wissen noch unvollständig ist, treten unweigerlich Fehler
auf. Fehler im Informationszugriff können also nicht verhindert werden, außerdem
dürften ihnen auch positive Lerneffekte zukommen ("Aus Fehlern lernt
man"! - zumindest unter bestimmten Bedingungen). In Hinblick auf das
Auftreten von Lerneffekten scheint es deshalb auch angebracht, die beschriebenen
Fehler nicht zu verhindern, sondern so aufzugreifen, daß sie eine lernförderliche
Funktion erhalten. Förderprogramme hinsichtlich des effizienten Umfangs mit
Informationsnetzen müßten diesem Aspekt Rechnung tragen. Desgleichen müßten
einschlägige Ansätze, die den Informationszugriff aus fehlerspezifischer Perspektive
betrachten, diese unterschiedliche Qualität von Fehlern berücksichtigen. Überhaupt
dürfte es bei komplexen Fehlerarten ein methodisch schwieriges Problem darstellen,
genau feststellen zu können, ob vom Informationsnetzbenutzer ein schwerwiegender
Fehler gemacht wurde. Große Schwierigkeiten bereitet der Umstand, daß Fehler
nur im Kontext bereits gezeigten Verhaltens und in Hinblick auf ein vorgegebenes
Zielverhalten eindeutig bestimmbar sind. Beides ist im Bereich komplexen Lernens
in Informationsnetzen nur lernprozeß- und lernergebnis-orientiert meßbar,
was einen erheblichen Aufwand an Datenerfassung und Analysearbeit notwendig
macht.
Forschungsdefizite: Mitunter dürfte dieses methodische Problem
der Grund dafür sein, daß beide besprochenen Ansätze erstens globale, d.h.
nur sehr grob differenzierte und zweitens zentrale, d.h. nur die am häufigsten
feststellbaren Aspekte von Fehlern im Informationszugriff behandeln. In beiden
Fällen ist keine direkte Verbindung zu einer Theorie der Informationsverarbeitung
oder des Informationszugriffes erkennbar, vielmehr beruhen beide Ansätze auf
einer Sammlung von in der Praxis gemachten Beobachtungen. Erklärungen, auch
auf globalem Niveau - welche Fehler zu welchen (auch positiven oder) negativen
Lerneffekten führen - fehlen weitgehend. Beide Modelle bilden im besten Falle
einen ersten heuristischen Rahmen, von dem ausgehend Fehler im Zugriffsverhalten
in Informationsnetzen untersucht werden können. Borgman (1987) berichtet zwar
von vielen empirischen Ergebnissen, die aber alles andere als zufriedenstellend
sind. Vor allem hohe unaufgeklärte Varianzen im Fehlerverhalten, konfundierte
Effekte z.B. hinsichtlich der Erfahrung mit Informationsnetzen und der Benutzungshäufigkeit
oder die Nichtberücksichtigung von Interaktionseffekten stellen Probleme dar,
die für fast alle berichteten Belege gelten (ebd., S. 41, S. 43). Die erzielten,
meist geringen Effekte von relevanten Einflußgrößen auf das Fehlerverhalten
wurden eher zufällig nach beliebiger und nicht nach theoriebezogener Berücksichtigung
und auf korrelativer Basis erzielt. Es fehlen theoriebezogen-systematische
und experimentell-kontrollierte Studien. In Hinblick auf die hier vorgenommene
Eingrenzung auf browsing-spezifisches Zugriffsverhalten, muß bemerkt werden,
daß die gefundenen Effekte auch durch die Informationszugriffsart des Suchens
zustande gekommen sind: Browsing-spezifische und such-spezifische Zugriffsarten
kommen also häufig konfundiert vor. Ein weiteres Problem bildet der Umstand,
daß wenig Berücksichtigung bzw. Integration schon bestehender anderer Ansätze
stattfindet. Eine Folge davon ist, daß z.B. nur wenige und nicht überprüfte
Instrumente zur Messung von Fehlerverhalten vorliegen. Der Ansatz von Spiro,
Coulson, Feltovich + Anderson (1988) ist auf fortgeschrittenen bzw. komplexen
Wissenserwerb beschränkt. Die spezifizierten Fehlerarten wurden beim Lernen
im Bereich der Biomedizin durch Beobachtungen gewonnen und für Informationsnetze
schlechthin als gültig betrachtet, ohne die Transfergültigkeit näher zu überprüfen.
Belege auf dem Hintergrund des Ansatzes von Spiro, Coulson, Feltovich + Anderson
(1988), die direkt in Informationsnetzen erzielt wurden, fehlen völlig. Besonders
mangelt es auch an Belegen darüber, ob die angeführten Fehlertypen tatsächlich
hinsichtlich Zugriffsverhalten und Lerneffekt unterscheidbar sind.
Zusammenfassend kann gesagt werden, daß die beiden dargestellten
Ansätze eine Reihe von Fehlertypen beim Informationszugriff in Informationsnetzen
identifizieren. Weitgehend ungeklärt ist allerdings, welche konkreten situations-
und persönlichkeitsspezifischen Ursachen und welche lernrelevanten Konsequenzen
die auftretenden Fehler haben. Theoretische und methodische Vorarbeiten -
im besonderen die Bestimmung von Fehlern auf dem Hintergrund einer Informationsverarbeitungstheorie
und die Entwicklung von geeigneten Meßinstrumenten - sind unumgänglich, um
fehlerspezifische Aspekte des Informationszugriffes besser in den Griff zu
bekommen. Aufgrund der allgemeinen Schwierigkeit Fehler im Informationszugriff
reliabel und valide bestimmen zu können, scheint es forschungspragmatisch
empfehlenswert, die Fehlerproblematik überhaupt zurückzustellen bis leistungsfähige
theoretische Modelle des Informationszugriffes formuliert sind.
3.2. Motivations- und emotionstheoretische
Aspekte
des Informationszugriffes
Der Informationszugriff in Informationsnetzen wird weitgehend durch
kognitive Prozesse determiniert angenommen. Kognitive Prozesse betreffen grundsätzlich
den "Erwerb und die Abbildung von Wissen" (vgl. Kuhl, 1986,
S. 407). Da Ziele, Anreizwerte, das Gefühl des lost-in-hyperspace, etc. aber
auch häufig im Zusammenhang mit Lernerfahrungen in Informationsnetzen genannt
werden (vgl. Kapitel 2), ist es angebracht, über kognitive Prozesse hinaus
"motivationale" und "emotionale" Aspekte
des Informationszugriffes zu beleuchten."Motivation" betrifft
dabei den Prozeß, wie Personen ihre Ziele auswählen; wie sich die Bereitschaft
ein Ziel zu verfolgen über die Zeit ändert und wie die Ausführung von Handlungen
sichergestellt werden kann (vgl. Kuhl, 1983, S. 1). "Emotionen"
entstehen durch Bewertung von Handlungen oder Objekten und drücken sich als
Grad der Akzeptierung oder Ablehnung aus (vgl. Kuhl, 1986, S. 407). Begriffsklärungen
hinsichtlich Kognition, Motivation und Emotion, die über diese für die vorliegende
Arbeit notwendige Grundlegung hinausgehen, können z.B. in Sorrentino + Higgins
(1986) oder Izard, Kagan + Zajonc (1988) gefunden werden.
Die im folgenden angeführten Ansätze stellen motivationale Prozesse
in einem "Netzwerkmodell der Handlungs- und Zielselektion"
(Kuhl, 1983), in "vernetzten Handlungsfeldern" (Oesterreich,
1986) oder als von einem "Absichtsgedächtnis" (Dörner, 1988)
gesteuert dar. Emotionale Prozesse werden als "Stimmungen"
in einem semantischen Gedächtnis-Netzwerk (Gilligan + Bower, 1988) betrachtet.
In allen Fällen werden motivationale und emotionale Prozesse modellhaft in
vernetzten Strukturen dargestellt, womit die globale Relevanz dieser Ansätze
für die Fragestellung der vorliegenden Arbeit gegeben ist.
DAS "NETZWERKMODELL DER HANDLUNGS- UND ZIELSELEKTION" (KUHL
1983)
Kuhl (1983, S. 104f) geht von der Annahme aus, daß sich motivationale
Aspekte im menschlichen Gedächtnis durch eine Reihe von "Relationsknoten"
abbilden lassen. Diese Knoten werden mit den Verbformen "möchte",
"muß", "kann" und "will"
bezeichnet. Die "möchte"-Relation betrifft den subjektiven
Wert, die "muß"-Relation die soziale Norm, die "kann"-Relation
die Erfolgserwartung und die"will"-Relation repräsentiert
die Aktivierung des Handlungsentschlusses bezüglich eines Objektes oder eines
Ereignisses.
Die vier Relationen werden modellhaft in "Propositionen"
dargestellt. "Propositionen" stellen symbolische Abbildungen
dar, die die Beziehung zwischen Begriffen bezeichnen (vgl. Abbildung 7). Jede
Proposition besteht aus einem Relationsterm und mehreren Argumenten. Relationsterme
(R) - wie die motivationalen Relationen - werden in Verben ausgedrückt. Argumente
betreffen den Kontext (C für "context"), der den Ort (L für
"location") und die Zeit (T für "time")
oder eine Tatsache (F für "fact") wiedergibt. Tatsachen sind
durch Subjekte (S), Prädikate (P) und Objekte (O) bestimmt. Die in Abbildung
7 dargestellte Proposition bildet ab, daß eine Person von einem Partygast
angesprochen wurde, was den Kontext C der Proposition darstellt. Die Person,
die durch das Subjekt "ich" repräsentiert wird, empfindet es als
eine Pflicht (Relation MUSS) sich zu unterhalten (Objekt "mich unterhalten"
als Spezifizierung des Prädikats P) und beabsichtigt, es zu tun (Relation
WILL). Enthält eine Proposition - wie im Falle dieses Beispieles - eine WILL-Relation,
wird sie "volutional-strategisch" genannt. Ist in einer Proposition
auch eine Handlung inkludiert bzw. angeschlossen, die eine Umsetzung des gewollten
Zustandes erlaubt, wird von "aktionaler" Proposition gesprochen.
Abbildung 7:Netzwerkdarstellung einer motivationalen (volutionalen)
Proposition
(nach Kuhl, 1983, S. 108)
Liegt eine voluntionale Proposition vor, und ist noch nicht klar,
mit welcher Handlung sie umgesetzt werden soll, setzt ein Suchprozeß
ein. Er besteht im Abtasten des propositionalen Netzwerkes, wobei vom MÖCHTE-Knoten
ausgehend erwünschte und vom KANN-Knoten ausgehend realisierbare Handlungsmöglichkeiten
gesucht werden. Wenn sich beide Suchvorgänge in einem Netzwerkknoten treffen,
wird der Suchprozeß beendet: Ein Handlungsziel ist gefunden. Wenn auf diese
Weise das Handlungsziel gefunden ist, wird der Abtastvorgang weitergeführt
bis alle Handlungen gefunden und ausgeführt sind, so daß das Handlungsziel
erreicht ist. Bei der Auswahl von Handlungszielen bzw. -möglichkeiten kann
es dazu kommen, daß gleichzeitig mehrere motivationale Propositionen aktiv
sind: Es kommt zu "homonymen" und "heteronymen"
Konfliktfällen: "Im homonymen Fall sind mehrere Propositionen
(oder eine Proposition mit mehreren Objekten) mit identischem Relationskonzept
aktiviert, während im heteronymen Fall mehrere Propositionen mit verschiedenen
Relationskonzepten aktiviert sind" (ebd., S. 115). Homonyme Konflikte
betreffen Wahlschwierigkeiten zwischen Zielen bzw. Handlungen, die alle jeweils
ausgeführt werden möchten, wollen, müssen oder können. Heteronyme Konflikte
beziehen sich nicht darauf, welche Ziele bzw. Handlungen ausgewählt werden
sollen, sondern darauf, welches Selektionskriterium zur Auswahl herangezogen
werden soll. Im MÖCHTE-KANN-Konflikt bereitet z.B. die Entscheidung Schwierigkeit,
ob eine gewünschte oder realisierbare Handlung gewählt werden soll. Liegt
z.B. ein MÖCHTE-MUSS-Konflikt vor, stehen einander selbst- und fremdbestimmte
Ziele oder Handlungen gegenüber. Diese Art der MÖCHTE-KANN-MUSS-Konflikte
werden gelöst, wenn Handlungsmöglichkeiten gefunden werden, die gleichzeitig
beiden Kriterien entsprechen oder wenn ein Kriterium ausgeblendet werden kann.
Besonderes Augenmerk schenkt Kuhl (ebd., S. 116) dem WILL-MÖCHTE- und dem
WILL-MUSS-Konflikt. Dieser Konflikttypus liegt vor, wenn für ein Ziel oder
eine Handlung entschieden wurde, später aber divergierende Handlungswünsche
oder -verpflichtungen vorliegen. Zur Lösung beider Konfliktarten sind "Handlungskontrollprozesse"
notwendig.
"Handlungskontrollprozesse" schirmen eine WILL-Proposition
gegen divergierende Wunsch- (MÖCHTE-Proposition) oder Verpflichtungsvorstellungen
(MUSS-Proposition) ab. Kuhl (1985, S. 104f) sieht sechs Vermittlungsprozesse,
die diese Abschirmung leisten: a) die Aufmerksamkeitssteuerung auf ausführungsbegünstigende
Merkmale der Situation; b) die Sparsamkeit der Informationsverarbeitung, deren
Ziel es ist, die Abwägung von Handlungsalternativen abzubrechen, wenn die
Ausführung der aktuellen Absicht gefährdet würde; c) die Emotionskontrolle,
deren Aufgabe es ist, absichtsfördernde Gefühle anzuregen und absichtshemmende
Gefühle zu verhindern; d) die Motivationsaufschaukelung, die eine Verbesserung
der der Handlung zugrundeliegenden Motivationstendenzen zur Folge hat; e)
die Enkodierungskontrolle mit der Aufgabe, Informationen nur dann zu speichern,
wenn sie für die gegenwärtige Absicht relevant sind und f) die Umweltkontrolle
zur handlungsfördernden Veränderung der situativen Gegebenheiten, in die die
Handlung eingebettet ist. Gemäß dem Ausprägungsgrad dieser Vermittlungsprozesse
werden "handlungs-" und "lageorientierte"
Personen unterschieden. Während handlungsorientierte Personen solche Vermittlungsprozesse
aufweisen, die das Realisieren von Absichten fördern, zeigt sich bei lageorientierten
Personen allgemein Passivität oder das Durchführen von nicht intendiertem
Verhalten.
Nimmt man aufgrund kognitiver Kompatibilität (vgl. Abschnitt 2.3.2.)
an, daß beim Informationszugriff in Informationsnetzen ähnliche Wirkungsmechanismen
gelten wie im von Kuhl (1983) dargestellten motivationalen Gedächtnis-Netzwerk,
dann können eine Reihe von Ableitungen für die Auswahl von Knoten getroffen
werden: Knotenwahlen können als Konfliktfälle im obigen Sinne angesehen werden.
Knoten in Informationsnetzen werden demnach gewählt, weil sie einen hohen
subjektiven Anreizwert haben (MÖCHTE-Relation); weil sie auch von anderen
gewählt oder verpflichtend vorgeschrieben werden (MUSS-Relation); weil sie
die Erreichung eines gesetzten Zieles erwarten lassen (KANN-Relation) oder
weil man sich früher entschlossen hat, den betreffenden Knoten aufzurufen
(WILL-Relation). Den angeführten sechs Vermittlungsprozessen der Handlungskontrolle
kommt in Informationsnetzen überdies die Funktion zu, daß sichergestellt wird,
daß jene Knoten, die für einen Zugriff vorgesehen sind, auch tatsächlich ausgewählt
werden: Bei handlungsorientierten dürfte dies öfter der Fall sein als bei
lageorientierten Personen.
"EFFIZIENZ-DIVERGENZ IN VERNETZTEN HANDLUNGSFELDERN" (OESTERREICH
1986)
Im Modell von Oesterreich (1986) wird allgemein Verhalten in Handlungen
unterteilt. Zur Erreichung eines zukünftigen Zieles ist eine Abfolge von Handlungen
notwendig. Jede Handlung hat dabei Konsequenzen zur Folge. Die Darstellung
von Handlungen und den dazugehörigen Konsequenzen in einem zeitlichen Bezugsrahmen
wird "Handlungsweg" genannt.
Dieser beginnt bei einer Konsequenz K0 zu einem Zeitpunkt t0, führt
über mehrere Zeitpunkte t1, t2, t3, usw. zu der angestrebten Zielkonsequenz
Kn zum Zeitpunkt tn. Die Erfolgswahrscheinlichkeit eines Handlungsweges -
die sogenannte "Wegwahrscheinlichkeit" - ergibt sich durch
die Multiplikation der einzelnen Erfolgswahrscheinlichkeiten der Handlungen
des Handlungsweges (vgl. Abbildung 8).
Abbildung 8: Beispiel eines Handlungsfeldes als Netz gegebener
Handlungsmöglichkeiten (nach Oesterreich, 1986, S. 3)
Das "Handlungsfeld" enthält ein Netz von Handlungswegen,
die eine Person zum Zeitpunkt 0 hat. Es entsteht, wenn Handlungen mit ihren
jeweiligen Konsequenzen mit anderen Handlungen verknüpft werden. Bezogen auf
Abbildung 8 stehen einer Person zunächst drei Handlungen zur Verfügung (Ho1,
Ho2, Ho3). Ergreift die Person einer dieser drei Handlungen erreicht sie die
drei Konsequenzen zum Zeitpunkt 1 (K11, K12, K13). Je nachdem, welche Konsequenz
erreicht wurde, stehen wieder unterschiedliche Handlungen zur Verfügung usw.
Bei der Planung eines Weges durch das Handlungsfeld werden - theoretisch angenommen
- zwei Kriterien zugrundegelegt: "Effizienz" und "Divergenz".
"Effizienz" betrifft den Aspekt, ob mit einer Konsequenz
Handlungen mit einer hohen Erfolgswahrscheinlichkeit zur Verfügung stehen.
In Abbildung 8 entsprechen die angegebenen Dezimalzahlen den Erfolgswahrscheinlichkeiten.
"Divergenz" entspricht dem Umstand, ob mit dem Erreichen
einer bestimmten Konsequenz, der Handlungsweg in unterschiedliche Richtungen
fortgesetzt werden kann. Sie wird durch die Linien in Abbildung 8 angezeigt.
Werden beide Kriterien bei der Wegwahl berücksichtigt und versucht man, in
Abbildung 8 z.B. von Ko zu K32 zu kommen, ist der Weg von Ko zu K13 zu K22
zu K32 der mit der größten Effizienz, da die Wegwahrscheinlichkeit gegenüber
allen anderen Wegen, die zur Zielerreichung führen, am größten ist (.8 x .9
x .9). Von K13 und von K22 aus, können alle folgenden Konsequenzen erreicht
werden, was hohe Divergenz anzeigt, die z.B. bei K21 und K23 nicht gegeben
ist, da von K21 nur K31 und von K23 nur K32 und K33 erreicht werden kann.
Neben dieser grundsätzlichen Funktionsweise von Handlungsfeldern,
werden von den Autoren spezifische Subprozesse angenommen, die im besonderen
die Handlungsplanung betreffen. Dabei wird davon ausgegangen, daß das
Effizienz-Divergenz-Kriterium sowohl für die Bildung von Zwischenzielen, als
auch für die Auswahl zukünftiger Endziele und für die Bevorzugung von gesamten
Handlungsfeldern eine zentrale Rolle spielt (vgl. ebd., S. 14f).
Liegen große Handlungsfelder mit vielen Zeitpunkten und Konsequenzen
vor, wird eine Strategie von Grob- zur Feinplanung eingeschlagen. Am Beginn
der Planung des Handlungsweges wird zunächst eine grobe Festlegung erfolgen,
in der nur die langfristige Abfolge von hoch effizient-divergenten Konsequenzen
ins Auge gefaßt wird. Danach wird ein erstes Zwischenziel und der Handlungsweg
zu dessen Erreichung festgelegt. Dieser Vorgang wird solange wiederholt, bis
das Endziel erreicht ist. Durch die Bildung von Zwischenzielen muß eine geringere
Antizipationsleistung erbracht werden als bei der Planung des gesamten Handlungsweges.
Neben dieser Planungserleichterung erlaubt dieses Vorgehen auch höhere Flexibilität:
Treten Veränderungen in den Handlungsmöglichkeiten auf, können kurzfristig
Planungskorrekturen durchgeführt werden. Ergebnisse eines Experimentes im
Rahmen der zitierten Arbeit bestätigen die Annahmen, daß hoch effizient-divergente
Konsequenzen als Zwischenziele genutzt werden. Die Aufgabe der Versuchspersonen
bestand darin, in einem Raumfahrtspiel einen Handlungsweg bis zu einer vorgegebenen
Zielkonsequenz zu durchlaufen. Die Struktur des Handlungsfeldes wurde als
Sternenkarte dargestellt. Zeitpunkte wurden als Galaxien abgebildet, Konsequenzen
als Raumstationen und Handlungen als Raumfähren. Mit Raumfähren konnte mit
unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten zu Raumstationen gelangt werden. Die
Mehrzahl der Versuchspersonen legte ihre Wege über hoch effizient-divergente
Raumstationen zurück. Der Umstand, daß das Kriterium der Effizienz-Divergenz
am häufigsten für die Bildung von Zwischenzielen herangezogen wird, bestätigten
Protokolle des lauten Denkens und längere Entscheidungszeiten gegenüber anderen
weniger komplexen Entscheidungsprozessen.
Abgebildete bzw. antizipierte Handlungswege stellen in der Regel
nur Ausschnitte von beständig fortgesetzten Handlungswegen dar. Bei der Planung
von Handlungswegen müssen deshalb auch Zielkonsequenzen berücksichtigt werden,
die noch nicht bekannt sind. Um die Erreichung von zukünftigen bzw. unbekannten
Zielen zu ermöglichen, wird der Handelnde seine aktuelle Zielkonsequenz
nach dem Kriterium hoher Effizienz-Divergenz auswählen. Neben den oben beschriebenen,
kurzfristig gesetzten Teilzielen, muß auch Wahlfreiheit für spätere Handlungswege
bleiben. Hoch effizient-divergente Konsequenzen sind somit nicht nur als Zwischenziele,
sondern auch als Endziele geeignet. Solche Endziele erlauben nach ihrem Erreichen
Entscheidungen darüber, welche neue Fortsetzungen des Handlungsweges gewählt
werden sollen. In einer Erweiterung des im Zusammenhang mit der Erforschung
von Zwischenzielen beschriebenen Experimentes wurden die Konsequenzen des
letzten Zeitpunktes mit einer weiteren, nicht im Handlungsfeld enthaltenen
Entscheidungssituation verknüpft. Die wählbaren Zielkonsequenzen bestanden
in verschiedenen Büro- und Zeichenmaterialien. Als Zielkonsequenzen mit hoher
Effizienz-Divergenz wurden solche angesehen, die eine Auswahl unter mehreren
verschiedenen Gegenständen zuließen - gegenüber solchen Konsequenzen, bei
denen keine Wahlmöglichkeit gegeben war. Die Ergebnisse zeigten, daß der überwiegende
Großteil der Versuchspersonen die hohe effizient-divergente Konsequenz wählt.
Das Kriterium der Effizienz-Divergenz kann nicht nur bei der Festlegung
von Zwischen- und Endzielen herangezogen werden, darüber hinaus kann es auch
zur Charakterisierung ganzer Handlungsfelder verwendet werden. Da sich
für jede Konsequenz eines Handlungsfeldes Effizienz und Divergenz bestimmen
lassen, kann das arithmetische Mittel als durchschnittliche Höhe der Effizienz-Divergenz
eines Handlungsfeldes festgelegt werden. In einem Handlungsfeld mit hoher
durchschnittlicher Effizienz-Divergenz können gegenüber einem mit geringer
durchschnittlicher Effizienz-Divergenz schneller geeignete Zwischen- und Endziele
gefunden werden, was die Planung von Handlungswegen erleichtert. Auch kann
man sich damit bei unvorhergesehenen Abweichungen vom ursprünglich geplanten
Weg leichter umorientieren: Der Handlungsweg wird damit regulierbarer. In
einem durchgeführten Experiment (vgl. ebd., S. 51f) sollten die Versuchspersonen
in zwei hinsichtlich der durchschnittlichen Effizienz-Divergenz unterschiedlichen
Handlungsfeldern (Flugverbindungsnetzen) Erfahrungen sammeln. Im Anschluß
daran wurden die Versuchspersonen befragt, welches Handlungsfeld sie bevorzugen.
Drei Viertel der Versuchspersonen bevorzugten das Handlungsfeld mit höherer
durchschnittlicher Effizienz-Divergenz.
Einerseits ergeben sich aufgrund der netzartigen Struktur des Handlungsfeldes
von Oesterreich (1986) Anknüpfungspunkte zu Informationsnetzen: Konsequenzen
stellen Knoten dar; Handlungen sind Verknüpfungsanzeiger, die die einzelnen
Konsequenzen auf der Basis von Erfolgswahrscheinlichkeiten miteinander verknüpfen.
Andererseits können Knotenwahlen selbst als Handlungen aufgefaßt werden, die
als Konsequenzen zum Vorliegen unterschiedlicher Knoten führen. Effizienz
und Divergenz können unter dieser Annahme als Kriterien für die Wahl von Knoten
in Informationsnetzen fungieren. Nach beiden Kriterien werden Knoten dann
gewählt, wenn sie a) mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Knoten führen, die für
die Erreichung eines gesetzten Zieles bzw. eine gegebene Aufgabenstellung
relevant sind (d.s. effiziente Knoten) und wenn sie b) mit vielen anderen
Knoten verbunden sind (d.s. divergente Knoten). In Anlehnung an das Modell
von Oesterreich (1986) kann auch davon ausgegangen werden, daß bei der Erkundung
eines Informationsnetzes Zwischenziele gesetzt werden und Vorkehrungen getroffen
werden, die die Erreichung nicht genau bestimmbarer (zukünftiger) Ziele ermöglichen.
Schließlich kann auch davon ausgegangen werden, daß gesamte Informationsnetze
oder zumindest große Teilbereiche davon global wahrgenommen und nach Effizienz-Divergenz-Kriterien
beurteilt werden.
Die Berücksichtigung der Erfolgswahrscheinlichkeit einer Knotenwahl
kann darüber hinaus mit zentralen Persönlichkeitseigenschaften aus der
Leistungsmotivationsforschung (vgl. Heckhausen, 1980) in Zusammenhang
gebracht werden. Nach dem "Risikowahl-Modell" von Atkinson
(1957) bevorzugen z.B. "erfolgsmotivierte" Personen Aufgaben
mit mittlerer subjektiver Erfolgswahrscheinlichkeit, "mißerfolgsmotivierte"
Personen meiden dagegen den mittleren Schwierigkeitsbereich zugunsten sehr
leichter und sehr schwerer Aufgaben. Auf die Auswahl von Knoten in Informationsnetzen
umgelegt, würden diese (vielfach bestätigten) Annahmen z.B. voraussagen, daß
erfolgsmotivierte im Vergleich zu mißerfolgsmotivierten Personen häufiger
Knoten wählen, die mit einer mittleren Erfolgswahrscheinlichkeit zum Ziel
führen.
DAS "ABSICHTSGEDÄCHTNIS"-MODELL (DÖRNER 1988)
Dörner (1988) versucht mit Hilfe seines Modells zu klären, wie Wissen
zur Verhaltensregulation verwendet wird. Dabei kommt "Absichten"
eine besondere Funktion zu. "Absichten" bestehen nach Dörner
aus "unspezifischen Motivationen, aus dem Wissen über die augenblickliche
Umgebung (`Umgebungsbild`) und aus dem Wissen über die Realität und dem Wissen
um die Möglichkeiten, sich darin zu bewegen (`Realitätswissen`)"
(ebd., S. 266). Absichten werden im "Absichtsgedächtnis"
gespeichert. Wird eine Absicht von dort ausgewählt - was automatisch oder
durch heuristische Operationen (d.s. z.B. Suchraumeinengungen, Analogiebildungen,
etc.) geschieht - , führt das zu einem Verhalten, das der aktuellen Absicht
entspricht.
Das Absichtsgedächtnis stellt eine aktuelle Kopplung von Knoten
des Langzeitgedächtnisses dar und besteht aus einer Reihe von Bestandteilen,
wobei in konkreten Fällen alle Bestandteile der Knoten des Absichtsgedächtnisses
vorhanden sein können, aber es auch möglich ist, daß einzelne Elemente fehlen
oder ungenau bestimmt sind. Die neun Bestandteile der Knoten des Absichtsgedächtnisses
stellen Wissen dar über a) den angestrebten Zielzustand der Absicht, b) den
derzeitigen Ausgangspunkt der Absicht, c) die bis jetzt unternommenen Schritte
zur Zielerreichung als "Geschichte" der Absicht, d) einen Plan zur
Zielerreichung, e) die Ursache bzw. den Grund, warum das Ziel angestrebt wird,
f) einen Zeitpunkt bis zu dem das Ziel erreicht werden muß, g) die Wichtigkeit
oder Relevanz der Absicht, h) die geschätzte Zeit, die zur Zielerreichung
notwendig ist und i) die Erfolgswahrscheinlichkeit unter Berücksichtigung
der eigenen Kompetenz. Gemäß diesen Informationen wird die Absicht ausgewählt,
die am wichtigsten, am dringlichsten und am erfolgversprechendsten ist.
Implikationen aus dem Modell von Dörner (1988) in Hinblick
auf den Informationszugriff in Informationsnetzen ergeben sich - wiederum
bei der Annahme kognitiver Kompatibilität - insofern, als Knotenwahlen als
Absichtswahlen angesehen werden können. Demnach müßte für die Auswahl von
Knoten zuvor bestimmt werden, welche Wichtigkeit, welche Dringlichkeit und
welche Erfolgswahrscheinlichkeit für die Erreichung eines bestimmten Zieles
mit der Auswahl des betreffenden Knotens gegeben ist. Der Knoten, der nach
Bewertung bezüglich Wichtigkeit, Dringlichkeit und Erfolgswahrscheinlichkeit
am höchsten gereiht ist, würde dann ausgewählt.
DIE
"NETWORK THEORY OF AFFECT" (GILLIGAN + BOWER 1988)
Die ursprünglich von Bower (1981) formulierte und von Gilligan +
Bower (1988) erweiterte Theorie erklärt den Einfluß von Emotionen auf kognitive
Prozesse im Kontext eines semantischen Netzwerkes. Emotionen oder "Stimmungen"
werden als zentrale Einheiten eines semantischen Netzwerkes verstanden, die
mit einer Reihe von Ideen, Automatismen, Muskelaktivitäten, etc. verbunden
sind. Emotionsgeladenes Wissen wird propositional im semantischen Netzwerk
gespeichert. Knoten können durch interne oder externe Stimuli aktiviert werden.
Denken findet durch Aktivierung von Knoten statt. Ist ein Knoten aktiviert,
werden verbundene Knoten - wenn ihre Aktivierung einen Schwellenwert übersteigt
- auch aktiviert. Diese Aktivierung kann sich entlang von Knoten ausbreiten.
Die Ausbreitung ("spreading activation") stellt Verbindungen
zu benachbarten oder in anderer Relation stehenden Knoten her. Verbindungen
zwischen den Knoten werden durch Lernerfahrungen geformt. Wenn neues Material
gelernt wird, wird es mit Knoten verbunden, die aktuell aktiviert sind."Bewußtsein"
besteht aus einem Netzwerk von Knoten, das zu einem bestimmten Zeitpunkt aktiviert
ist.
Aus diesen Grundpostulaten wurden von den Autoren vier zentrale Hypothesen
abgeleitet (vgl. ebd., S. 549). Die Hypothese zur "stimmungsabhängigen
Erinnerung" besagt, daß die Gedächtnisleistung dann besonders gut
ist, wenn die Stimmung während der Erinnerung mit der Stimmung, die während
des Lernens geherrscht hat, übereinstimmt. In der "Erinnerungskongruenz"-Hypothese
wird angenommen, daß die Gedanken, Assoziationen, Phantasien, Interpretationen
und Bewertungen einer Person mit deren Stimmung thematisch übereinstimmen.
Die Hypothese der "Speicherkongruenz" besagt, daß Lernmaterial,
das mit dem emotionalen Zustand übereinstimmt, am besten gelernt wird. In
der "Stimmungsintensitäts"-Hypothese wird ausgesagt, daß
Lerneffekte positiv mit der Intensität einer Stimmung korrelieren.
Nimmt man Kompatibilität bzw. Vergleichbarkeit zwischen semantischen
Netzwerken und Informationsnetzen an (vgl. Abschnitt 2.3.2.), können zumindest
Hypothesen hinsichtlich des Informationszugriffes formuliert werden.
Es kann erstens angenommen werden, daß Knoten in Informationsnetzen neben
kognitiver oder motivationaler Bedeutung auch ein emotionales Gewicht zukommt.
Zweitens wird dieses Gewicht bei der Wahl von Knoten berücksichtigt. Stimmungen
stellen Verbindungen zu Knoten her, die stimmungsgleich sind. In Informationsnetzen
wird man auch Knoten danach wählen, ob sie der eigenen Stimmung entsprechen.
Gleichzeitig werden Verbindungen zu stimmungsungleichen Knoten gestört. Erhöht
sich die Intensität einer Stimmung werden vorhandene Verknüpfungen stärker
aktiviert, was es für stimmungsirrelevante Knoten schwerer macht, aktiviert
zu werden. Damit sollten in Informationsnetzen vor allem solche Knoten aufgerufen
werden, die einer aktuellen Stimmung entsprechen, wobei dies um so eher der
Fall ist, je intensiver eine Stimmung ist.
Stimmungen als Form von emotionsbezogenem Verhalten können mit Persönlichkeitsvariablen
der Emotionsforschung in Zusammenhang gebracht werden (vgl. Izard, Kagan
+ Zajonc, 1988). Besonders umfassend wird dieser Zusammenhang mit dem Konstrukt
"Temperament" beschrieben. "Temperament"
betrifft eine Persönlichkeitseigenschaft, die individuelle Unterschiede in
der "Reaktivität" und in der "Selbstregulation"
von Personen feststellbar macht (vgl. Derryberry + Rothbart, 1988). "Reaktivität"
betrifft die Art der Reaktion auf situative Gegebenheiten, "Selbstregulation"
betrifft die Kontrolle dieser Reaktion (vgl. ebd., S. 132). Die Art der Reaktion
läßt sich anhand von Parametern wie der Schwelle der Verhaltensauslösung (-
bei welcher Reizstärke wird reagiert -), der Latenz (- wann nach Auftreten
des Reizes wird reagiert - ), der Intensität (- wie stark wird reagiert -),
der Dauer (- wie lange wird ein bestimmtes Verhalten gezeigt -) und der Erholzeit
(- wann wird das Verhalten wieder gezeigt -) bestimmen. Verschiedene Temperament-Typen,
die sich hinsichtlich einer Reihe von emotionalen Persönlichkeitseigenschaften
(z.B. Angst, Frustrationstoleranz, externale und internale Sensibilität, etc.)
unterscheiden, weisen - angenommen - unterschiedliche Selbstregulation-Mechanismen
auf, die ihrerseits zu unterschiedlichen Arten von Reaktionen führen. In Bezug
zu Informationsnetzen ist z.B. denkbar, daß hoch-ängstliche Personen im Vergleich
zu niedrig-ängstlichen geringeres Explorationsverhalten zeigen, da sie stärker
befürchten, den Weg zu einem Orientierungs- oder Ausgangspunkt nicht zu finden.
BEWERTUNG MOTIVATIONS- UND EMOTIONSTHEORETISCHER
ANSÄTZE ZUM INFORMATIONSZUGRIFF
Berücksichtigung von nicht-linearen Lernbedingungen: Nach dem Modell von Kuhl (1983) können eine Reihe von Kriterien
für Knotenwahlen genannt werden: nämlich der subjektive Wert, die Normentsprechung,
die Zielerreichungswahrscheinlichkeit und die Verpflichtungserfüllung. Die
Orientierung an subjektiven Werten stellt die Grundlage für das Auftreten
der Lernbedingung des benutzerzentrierten Vorgehens dar. Durch die postulierten
Handlungskontrollprozesse können beabsichtigte Knotenwahlen gegen konkurrierende
Tendenzen geschützt werden. Auf diese Weise kann der in Informationsnetzen
geltenden Lernbedingung der hohen Ablenkung begegnet werden. Effiziente Handlungskontrollprozesse,
besonders die Enkodierungskontrolle, sollte auch verhindern, daß das Arbeitsgedächtnis
überlastet wird. Das Divergenz-Kriterium im Modell von Oesterreich (1986)
betrifft die Art und Weise wie in Informationsnetzen "Sackgassen"
vermieden werden können, womit neben dem Zielaspekt auch die Orientierungsdimension
angesprochen wird. Dörner (1988) sieht neben der Wichtigkeit und der Erfolgswahrscheinlichkeit,
noch die zeitliche Dringlichkeit als besonderen Anlaß einen Knoten zu wählen,
wobei berücksichtigt wird, wann ein bestimmtes Informationsproblem gelöst
sein sollte und wie lange die Lösung voraussichtlich dauern wird. Die im Absichtsgedächtnis
enthaltene Speicherung bereits unternommener Schritte zur Zielerreichung betrifft
bezogen auf das Informationsnetz den Pfad miteinander verketteter Knoten,
die in der Vergangenheit aufgerufen wurden. Diese Evidenzhaltung erleichtert
einerseits die Orientierung - da Knoten wiedererkannt werden -, andererseits
verhindert es, daß ohnehin bekannten Informationen zuviel Aufmerksamkeit geschenkt
wird, was sowohl kognitive Überladung als auch Mitnahmeeffekte verringert.
Im Zusammenhang mit dem Ansatz von Gilligan + Bower (1988) kann davon ausgegangen
werden, daß Stimmungen grundsätzlich einen relevanten Einflußfaktor beim Informationszugriff
in Informationsnetzen darstellen. Ersichtlich werden stimmungsbezogene Aspekte
z.B. beim Phänomen des lost-in-hyperspace. In diesem Zustand, der durch Emotionen
wie Orientierungslosigkeit, Angst oder Hilflosigkeit gekennzeichnet ist, tritt
kognitiv-orientiertes Vorgehen in den Hintergrund. Knotenwahlen werden durch
gefühlsbezogene Aspekte gesteuert. Demgemäß wird ein Knoten dann z.B. nicht
deshalb gewählt, weil er für die vorgegebene Aufgabenstellung wichtig ist
oder weil er hilft Orientierungsprobleme zu lösen, sondern weil man die Information
im Knoten "mag". In diesem Fall basiert die Knotenwahl nicht auf
rationalen Gründen, die das Ergebnis eines systematischen Informationsverarbeitungsprozesses
darstellen.
Berücksichtigung von browsing-spezifischem
Lernpotential: Grundsätzlich ergibt sich browsing-spezifisches Lernpotential
in den Ansätzen von Kuhl (1983), Dörner (1988) und Bower + Gilligan (1988)
dadurch, daß diese Ansätze kompatibel zu angenommenen Gedächtnisstrukturen
sind. Die ersten beiden Ansätze und der Ansatz von Oesterreich (1986) berücksichtigen
des weiteren die motivierende Qualität, die von Lernangeboten in Informationsnetzen
ausgehen kann. Zu intensive Handlungskontrolle nach Kuhl (1983) kann aber
auch exploratives Verhalten einschränken, inzidentelles Lernen verringern
oder den selbst-perpetuierenden Prozeß des Browsings unterbrechen. Das Modell
von Oesterreich (1986) legt nahe, daß in Informationsnetzen zielorientiert
nach Berücksichtigung von Effizienz-Gesichtspunkten vorgegangen wird. Ein
positives Lernpotential kann insofern erwartet werden als Ziele gesetzten
Lehrzielen entsprechen. Diesen Zielbezug könnte man im Gegensatz zu dem bei
Browsing vorherrschenden explorativen Erkunden sehen. Lehrziele können aber
auch bei explorativem Vorgehen nicht außer Acht gelassen werden, da sonst
überhaupt keine oder nur geringe Lerneffekte erzielt werden.
Forschungsdefizite: Alle in diesem Abschnitt angeführten Modelle,
versuchen (lernrelevante) motivationale und emotionale Prozesse in einer Netzwerk-Struktur
darzustellen. Aufgrund dieser Eigenschaft wurden sie für die Fragestellung
der Untersuchung ausgewählt. Die Ableitungen, die aus diesen Modellen getroffen
werden können, wurden abereinerseits nicht auf Umgebungen mit vernetzter Struktur
bezogen, andererseits aber stimmen sie gut mit Aussagen von Ansätzen überein,
die keine vernetzte Struktur aufweisen. Dieser Umstand zeigt die Vorläufigkeit
des Auswahlkriteriums der strukturellen Gleichheit zwischen der Darstellung
theoretischer Aussagen und der Struktur von Informationsnetzen auf. Der häufig
in der Literatur festzustellende Verlaß auf dieses einzige Auswahlkriterium
ist damit in Frage zu stellen (vgl. auf diesem Hintergrund das Kriterium der
Gedächtnisstruktur-Kompatibilität in Abschnitt 2.3.2.). (In dieser Arbeit
wurden zusätzlich Ansätze dann ausgewählt, wenn sie lernrelevante Aspekte
in vernetzten Umgebungen beschreiben, unabhängig davon, ob ihre Aussagen strukturell-vernetzt
dargestellt werden.) Bei der vergleichenden Betrachtung der vorliegenden Ansätze
zu motivationalen Aspekten des Informationszugriffes können in diesem Zusammenhang
eine Reihe von Übereinstimmungen festgestellt werden, anhand deren die Einschränkung
des Struktur-Gleichheits-Kriteriums aufgezeigt werden kann. Der subjektive
Wert nach Kuhl (1983) entspricht der Wichtigkeit nach Dörner (1988); die Erfolgserwartung
nach Kuhl (1983) der Effizienz nach Oesterreich (1986) und der Erfolgswahrscheinlichkeit
nach Dörner (1988). Erfolgserwartung und subjektiver Wert ihrerseits stellen
nichts anderes dar als die Erwartungs-x-Wert-Parameter der herkömmlichen,
nicht auf vernetzter Struktur bedachter Motivationsforschung (vgl. Herber,
1976 oder Herber, 1979), womit auch deren Probleme für den Bereich des Lernens
mit Informationsnetzen Relevanz bekommen. Zum Beispiel ist nicht geklärt,
ob Überlegungen zur Erfolgserwartung und zum Wert eines Knotens additiv oder
multiplikativ verknüpft werden. Bei additiver Verknüpfung kann einer der beiden
Parameter von keiner Bedeutung sein, um trotzdem noch eine (Handlungstendenz
bzw.) Auswahl hervorzurufen. Kommt hingegen bei multiplikativer Verknüpfung
einem Parameter keine Bedeutung zu - nimmt er also den Wert Null an -, dann
ist auch gesamt keine bedeutsame Handlungstendenz gegeben und der betreffende
Knoten wird nicht ausgewählt werden (vgl. eine Diskussion in Astleitner, 1992,
S. 57f).
Der Ansatz von Kuhl (1983), besonders der Aspekt der Handlungskontrollprozesse,
stellt einen Bereich der Motivationspsychologie dar, der intensiv untersucht
ist (vgl. z.B. die Belegaufstellung in Astleitner + Plaute, 1988, S. 80f),
was differenzierte Ableitungen für Lernprozesse in Informationsnetzen möglich
macht. Als anregend für zukünftige empirische Untersuchungen kann auch der
Umstand gewertet werden, daß ausgehend vom dargestellten Modell die Persönlichkeitsvariable
Handlungs- und Lageorientierung konstruiert wurde. Mit den dafür entwickelten
Meßinstrumenten können Personen hinsichtlich der Effizienz ihrer Handlungskontrollprozesse
eingeschätzt werden. Handlungsorientierte Personen werden demnach anders auf
Knoten in Informationsnetzen zugreifen als lageorientierte. Zum Beispiel verwenden
erste weniger Informationen zur Lösung eines Problems (vgl. Niederberger,
Engemann + Radtke, 1987), was einer geringeren Anzahl von aufgerufenen Knoten
in einem Informationsnetz entsprechen könnte. Auch die Gültigkeit der im Ansatz
von Oesterreich (1986) gemachten Aussagen, ist empirisch gut abgesichert.
Allerdings wurden den Versuchspersonen Effizienz- und Divergenzwerte vorgegeben.
Es stellt sich die Frage, ob sich Informationsnetzbenutzer diese Werte selbst
erarbeiten und welche Auswirkung dieser Aufwand auf die vorhandenen Lernressourcen,
z.B. der Kapazität des Arbeitsgedächtnisses hat. Auch in Hinblick auf das
Modell von Dörner (1988) ist nicht klar, ob Informationsnetzbenutzer tatsächlich
die angenommenen Kriterien zur Knotenwahl berücksichtigen.
Die Annahmen von Gilligan + Bower (1988) sind nur dort gut belegt,
wo es gelingt, stark positive oder negative Stimmungen zu erzeugen, wobei
sich bei zweiten nur geringe Effekte zeigen. Ob intensive Stimmungen beim
Lernen in Informationsnetzen erlebt werden, ist derzeit unklar bzw. kann nur
für negative Stimmungen beim Zustand des lost-in-hyperspace festgestellt werden.
Wenn aber negative Stimmungen nur schwache Effekte zeigen, dürfte es schwierig
sein, diese Effekte beim Lernen in Informationsnetzen replizieren zu können.
Ein weiteres Problem stellt der Umstand dar, daß die Annahmen der Autoren
oft nur in primitiven Netzwerken überprüft wurden. Netzwerke mit dieser Struktur
bestanden bei der verwendeten Methode der Paarwort-Vergleiche aus zwei Knoten
mit einer Verknüpfung. In Informationsnetzen bestehen komplexere Beziehungen,
wo eine Verbindung zwischen zwei Knoten durch eine Reihe anderer gestört wird,
was einen signifikanten Effekt noch unwahrscheinlicher macht. Ein schwieriges
Problem dürfte schließlich auch die Messung der Stimmungsentsprechung eines
Knoten darstellen.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, daß allen in
diesem Abschnitt angeführten Ansätzen gemeinsam ist, daß sie teils eigenständige,
teils bei anderen vorkommende Verhaltenssteuerungsmechanismen bzw. -kriterien
annehmen, die allesamt aber bis jetzt nicht im Zusammenhang mit Informationsnetzen
genannt, geschweige denn untersucht worden sind. Gemäß dieser Ansätze können
Informationszugriffe als Konfliktfälle unterschiedlicher motivationsrelevanter
Relationen (Kuhl 1983), als an Erfolg orientierte Handlungen (Oesterreich,
1986), als Absichtswahlen (Dörner, 1988) oder von Stimmungen (Gilligan + Bower,
1988) abhängig angesehen werden. Nicht geklärt ist, ob Informationsnetzbenutzer
überhaupt diese Kriterien zur Reihung von Knoten hinsichtlich der Auswahl-Notwendigkeit
heranziehen. Wenn dem so ist, muß weitergehend geklärt werden, welches Kriterium
für Informationsnetzbenutzer besonders bedeutsam ist bzw. welches Kriterium
oder welche Kriterienkombinationen optimale Lerneffekte erzielen. Die genannten
Kriterien bieten außerdem Anknüpfungspunkte zu lern- bzw. informationszugriffsrelevanten
nicht-kognitiven Persönlichkeitsvariablen. Im Modell von Kuhl (1983) sind
dies die Dispositionen zur Handlungs- und Lageorientierung. Im Hinblick auf
die Erwartungs-x-Wert-Modelle von Oesterreich (1986) und Dörner (1988) betrifft
dieser dispositionelle Aspekt vor allem das Leistungsmotiv bzw. Erfolgshoffnung
und Mißerfolgsfurcht (vgl. Atkinson, 1957). Im Zusammenhang mit dem Modell
von Gilligan + Bower (1988) sind besonders affektive Persönlichkeitseigenschaften
relevant, die unter dem Sammelbegriff Temperament subsummiert werden (vgl.
Derryberry + Rothbart, 1988).
3.3.Informationszugriff als Reisen durch
Informationsräume
In diesem Abschnitt werden Arbeiten zusammengefaßt, die den Informationszugriff
in Informationsnetzen als ein räumlich zu lösendes Problem ansehen. Informationsnetze
erhalten durch die Verknüpfung von Knoten auch eine räumliche Dimension: Beim
Informationszugriff wird zumindest imaginär ein Sich-Bewegen durch ein räumliches
Gebilde erlebt. In den auf dieser Annahme beruhenden Ansätzen findet Berücksichtigung,
welche Arten von Pfaden von Informationsnetzbenutzern durch Informationsnetze
gegangen werden ("Routen" und "Indizes");
wie man sich Orientierung verschafft ("Landmark-Browsing");
wie man eine Landkarte als räumliche Abbildung des Informationsnetzes aufbaut
("Cognitive Mapping") und wie man zwischen zwei Knoten Verbindungen
finden kann ("Traveller").
"ROUTEN" UND "INDIZES" (CANTER, RIVERS + STORRS
1985)
Canter, Rivers + Storrs (1985, S. 94) gehen von der Mobilität
eines Menschen im Alltag aus, um räumliche Bewegungen in Informationsnetzen
zu beschreiben: "Several locations will be visited. The person will typically start and end at the same place (his home)
but, during his travels, he will make smaller excursions from and back to
other places. Often these excursions will be nested (a trip from home to office,
to the bar of the local pub at lunchtime, from the bar to the toilet, then
the telephone, then back to the bar, back to office, to a newsagent on the
way home, and finally back to his home)." Jeder besuchte Ort kann im übertragenen Sinne als Knoten aufgefaßt
werden; die Strecken zwischen den Orten können als Verknüpfungen angesehen
werden.
Zur Beschreibung der zurückgelegten Wege werden vier sogenannte "routes"
als Streckentypen und zwei sogenannte "indices" als
Kennwerte der Besuchshäufigkeit verwendet (vgl. Abbildung 9). Ein "Pfad"
stellt einen zurückgelegten Weg durch ein Informationsnetz dar, wo kein Knoten
zweimal gewählt wurde. Wird in einem "Ring" durch
ein Informationsnetz gegangen, wird zum Ausgangsknoten zurückgekehrt. In einem
Ring sind zentrale Orientierungspunkte (Ausgangsknoten) enthalten, die Verbindungen
zu anderen Ringen darstellen. "Schleifen" stellen
einzelne Ringe dar, bei denen einem Ausgangspunkt weniger Bedeutung zukommt,
da davon nicht mehrere Ringe ausgehen. Wird in "Ähren"
durch ein Informationsnetz gegangen, wird exakt der Weg zurückgegangen, der
vorausgegangen wurde.
An Kennwerten der Besuchshäufigkeit werden das Ausmaß an unternommener
Exploration und das Ausmaß an Redundanz als hilfreich für die Beschreibung
des Verhaltens in Informationsnetzen angenommen. Das "Ausmaß an unternommener
Exploration" wird durch die Relation der gewählten Knoten ("nodes
visited: NV") zu den gesamt im Informationsnetz vorhandenen Knoten
("total number of nodes: NT") ausgedrückt: NV/NT. Das Ausmaß
an in der Erkundung enthaltener "Redundanz" wird ausgedrückt
durch das Verhältnis unterschiedlicher aufgesuchter Knoten ("different
nodes visited": NVd) zur Anzahl aller gewählten Knoten ("total
number of visits to nodes: NS"): NVd/NS.
Abbildung 9: Routen in Informationsnetzen
(nach Canter, Rivers + Storrs, 1985, S.96)
Routen und Indizes werden zur Beschreibung von fünf komplexen
Informationszugriffsarten herangezogen. "Scanning"
wird dazu verwendet, ein großes Gebiet abzusuchen, ohne daß detaillierte Information
näher betrachtet wird. Es läßt sich kennzeichnen durch ein großes Ausmaß an
unternommener Exploration, vielen Ähren und einem mittleren Ausmaß von Schleifen.
Beim "Browsing" werden Knoten interessenhalber gewählt.
Der browsende Benutzer läßt sich dorthin tragen, wo es ihm gefällt. Browsing
wird beschrieben mit einem jeweils mittleren Ausmaß von Schleifen und Ringen
und von mittlerer Redundanz. "Searching" wird angewandt,
um ein bestimmtes Ziel zu finden. Es kennzeichnet sich durch viele Ähren,
einem mittleren Vorkommen von Schleifen und niedriger Redundanz. Beim "Exploring"
wird der Umfang und die Art eines kleinen Bereiches des Informationsnetzes
erkundet. Hier werden viele Pfade gegangen, auch wird ein hohes Ausmaß an
unternommener Exploration erreicht. "Wandering" besteht
im Herumschlendern bzw. in einer unstrukturierten Bewegung im Informationsnetz,
wo auch Knoten wiederholt aufgesucht werden. Beschrieben werden kann es mit
dem Vorkommen von vielen Ringen, mit einem geringen Ausmaß an Redundanz und
einem mittleren Ausmaß an unternommener Exploration.
Die Ausführungen der Autoren stellen Spekulationen mit einer gewissen
Plausibilität dar. Eine erste empirische Untersuchung im Rahmen der
berichteten Arbeit sollte überprüfen, ob die gefundenen Routen und Indizes
geeignet sind, den Informationszugriff in unterschiedlichen softwaremäßigen
Zugangsbedingungen zu beschreiben. Eine Zugangsbedingung bestand darin, Knoten
in Menüform angezeigt zu bekommen, bei der zweiten Bedingung mußten Knoten
über Befehle ausgewählt werden. In der Menüform sollten Umfang und Struktur
des Informationsnetzes besser abgeschätzt werden können, was Unterschiede
in den Routen und Indizes zur Folge haben sollte. Tatsächlich zeigten sich
signifikante Unterschiede in der Anzahl der gezeigten Ringe und Ähren und
im Ausmaß unternommener Exploration. In allen drei Fällen überwogen diese
Aspekte in der Menüform, was als Hinweis für die Tauglichkeit der postulierten
Routen und Indizes zur Beschreibung von Zugriffsverhalten gewertet wird.
"LANDMARK"-BROWSING
(VALDEZ, CHIGNELL + GLENN 1988)
Valdes,
Chignell + Glenn (1988, S. 318) gehen davon aus, daß "browsing is
a two-edged sword because the same flexibility of structure which allows browsing
to be carried out also allows one to get lost fairly easily". Eine wichtige Aufgabe in der Arbeit mit Informationsnetzen besteht
daher darin, nicht die Orientierung zu verlieren. Hilfreich, um die Orientierung
nicht zu verlieren bzw. wiederzufinden sind sogenannte "Landmarks".
Sie stellen Orientierungspunkte dar, die es möglich machen, die eigene Position
im Informationsnetz zu bestimmen. Hintergrund dieser Annahme bilden Beobachtungen,
nach denen Menschen ihre unmittelbare Umgebung sehr detailliert gespeichert
haben, von entfernteren Regionen sich aber nur grobe Orientierungspunkte merken.
Genutzt werden soll diese Erkenntnis für die Gestaltung von Hypermedia-Lernumgebungen,
die seit 1988 im "Project Jefferson" an der University of
Southern California betrieben wird. Bestimmte Knoten sollen als Landmarks
konzipiert und gekennzeichnet werden und es so dem Benutzer ermöglichen, sich
erfolgreich zu orientieren.
Zur Bestimmung der Eigenschaften von Landmarks wurden Ergebnisse
von drei Experimenten herangezogen. Nach den gefundenen Ergebnissen ist der
Informationszugriff in Informationsnetzen an Knoten orientiert, die "Landmark-Qualität"
aufweisen. Knoten weisen diese Eigenschaft auf und werden häufig aufgerufen,
weil man sich leicht an sie erinnert ("memory"), weil sie
viele direkte und indirekte Verbindungen ("connect1", "connect2")
mit anderen Knoten haben, weil sie ein geringes Ausmaß an Abstraktheit ("level")
aufweisen und weil sie anderen Knoten unähnlich ("distinct")
sind. Die Erinnerung wurde mit einem Reproduktionstest kurz nach dem Browsing
durch das Informationsnetz gemessen. Direkte Verbindungen betreffen die Anzahl
von Knoten, die unmittelbar mit dem betreffenden Knoten verknüpft sind (z.B.
A-B). Indirekte Verbindungen geben die Anzahl der Knoten wieder, die über
maximal zwei Verknüpfungen erreicht werden können (z.B. A-B-C). Abstraktheit
betrifft die Stufe einer hierarchischen Begriffsordnung der Knoten. Ähnlichkeit
der Knoten wird über multi-dimensionales Skalieren der Knotenbezeichnungen
- d.s. Begriffe, die die inhaltliche Bedeutung des Textinhaltes des Knotens
wiedergeben - gemessen. Durchgeführte multiple Regressionen zeigten das Ausmaß
an indirekten Verbindungen und an Abstraktheit als die besten Prädiktoren
der Landmark-Qualität.
"COGNITIVE
MAPPING" (EDWARDS + HARDMAN 1989)
Edwards
+ Hardman (1989, S. 107) sehen starke Übereinstimmungen zwischen der Aufgabe,
Pfade durch Informationsnetze zu wählen und sich in Städten oder Gebäuden
zu bewegen: "When subjects are required to access a particular piece
of information in hypertext, the screens of data are analogous to rooms or
landmarks, and the mouse clicks are analogous to traversing corridors between
those screens". Informationsnetzbenutzer bilden deshalb
Informationsnetze als Landkarten ab. Damit ist der Vorteil verbunden, erstens
Abkürzungen zum gewünschten Ziel zu finden und zweitens bei Orientierungsproblemen
wieder den richtigen Weg zu finden. In Anlehnung an die "Cognitive
Mapping"-Forschung der 70-er Jahre, besonders an Siegel + White (1975),
unterscheiden die Autoren einen vier-stufigen Prozeß zum Aufbau der Landkarte
eines Informationsnetzes.
In einer ersten Phase werden Orientierungspunkte ("landmarks")
bestimmt, die in einer zweiten Phase miteinander verbunden werden. Damit entsteht
ein globales Abbild bzw. ein grobes "Straßennetz". In einer
dritten Phase werden sogenannte "mini-maps" erzeugt. Sie
stellen verfeinerte Abbildungen von kleinen Gebieten dar. Werden für viele
Gebiete verfeinerte Abbildungen erstellt und dann zusammengefügt, entsteht
in einer vierten Phase eine "detaillierte Landkarte"
über das gesamte Informationsnetz.
Um bestimmen zu können, wie Benutzer eine Informationsnetzstruktur
abbilden, wurde Lernen in drei Typen von Hypertexten experimentell untersucht.
Ein Hypertext wies hierarchische Struktur auf, ein Hypertext wurde über einen
alphabetischen Index zugänglich gemacht und ein dritter bestand aus einer
Kombination der ersten beiden Typen. Jede Versuchsperson hatte eine Reihe
von Suchaufgaben zu lösen, wobei Zeit und Anzahl der aufgerufenen Knoten als
Effizienzmaße angesehen wurden. Um die kognitive Repräsentation der Hypertextstruktur
messen zu können, hatten die Versuchspersonen eine Karten-Lege-Aufgabe durchzuführen.
Bildschirmseiten, die den Knoten entsprachen, lagen in kleinen Karten vor,
die so angeordnet werden sollten, wie sie im Hypertext angenommen wurden.
Der Zustand des lost-in-hyperspace wurde mit einem post-experimentellen Fragebogen
gemessen. Es wurde angenommen, daß im Hypertext mit hierarchischer Struktur
effizientere Landkarten des Informationsnetzes aufgebaut würden als unter
den anderen Bedingungen, weil die Verwendung von Indizes es erlaubt, direkt
zu Knoten zu gelangen, die in keinem räumlichen Zusammenhang zum aktuell gesehenen
Knoten stehen. Als Beleg für diese Annahmen wurde in den Untersuchungsgruppen,
die Indizes verwendeten, eine längere Bearbeitungszeit und mehr gewählte Knoten
für die erfolgreiche Lösung der Suchaufgaben angeführt. Auch das in diesen
Gruppen häufiger auftretende Phänomen des lost-in-hyperspace wurde als Beleg
für den Aufbau von kognitiven Landkarten in Informationsnetzen gewertet.
"TRAVELLER" - RÄUMLICHES NETZWERK-LERNEN (LEISER + ZILBERSHATZ
1989)
Ausgangspunkt der Arbeit von Leiser + Zilbershatz (1989) bildet der
Versuch, räumliches Lernen in einem Netzwerk mit einem Computerprogramm zu
simulieren, wobei das entstandene Modell hohe Konsistenz mit vorliegenden
empirischen Ergebnissen haben sollte. Bezugspunkt dabei war die Arbeit von
Pailhous (1970), der detaillierte Studien über das Orientierungsverhalten
von Pariser Taxifahrern anstellte. Das Computerprogramm - "Traveller"
genannt - soll in komplexen Netzwerken Wege zwischen vorgegebenen Anfangs-
und Zielpunkten finden. Dieser Aspekt kann insofern auf die Fragestellung
der vorliegenden Arbeit übertragen werden, als auch Informationsnetze als
räumliche Abbildungen angesehen werden können. Außerdem kann es in Informationsnetzen
vorkommen, daß man von zwei und mehreren Knoten zwar ihren Inhalt kennt, aber
keinen Weg, der die jeweiligen Knoten miteinander verknüpft. Der Erschließung
des Weges kommt deshalb Wichtigkeit zu, weil bei Kennen und Verfolgen eines
Weges wichtige Hinweise über die Kontexte der einzelnen Knoten und damit deren
Bedeutungseinschätzung gewonnen werden können.
Die Arbeitsweise von Traveller besteht darin, daß auf der
Basis der im Computerprogramm gespeicherten Knoten und Verknüpfungen Planungsaufgaben
durchgeführt werden müssen. Planungsaufgaben sind in der Art aufgebaut, daß
dem Computerprogramm Ausgangs- und Zielknoten bekannt gegeben werden; dem
Programm kommt die Aufgabe zu, einen Weg zwischen diesen beiden Knoten zu
finden. Zu diesem Zweck werden von einem Ausgangsknoten (AK) ausgehend in
konzentrischen Kreisen die im Netzwerk vorhandenen Knoten (K1, K2, ...) dahingehend
überprüft, ob sie den Zielknoten (ZK) darstellen. Wenn die Suche erfolgreich
ist, wird der Weg gespeichert. Die gespeicherten Wege bilden dann eine Landkarte.
Das Format der Speicherung der Wege stellen herkömmliche, bei der computalen
Abbildung von Informationsprozessen verwendete Produktionsregeln dar, die
die gesamte Strecke in alle möglichen Teilstrecken zerlegen. Zum Beispiel
wird der Weg: AK-K1-K2-ZK in folgenden Komponenten ausgedrückt: AK-K1; AK-K2,
AK-ZK, K1-K2, K1-ZK, K2-ZK. Dieses Abbildungsformat führt bei komplexen Netzwerken
mit vielen Knoten zu Speicherproblemen, da für jeden Weg immer alle Produktionsregeln
gespeichert werden müssen.
Um dieses Speicherproblem zu lösen, wird der gesamte Planungsprozeß
in Teilprobleme zerlegt. Die Teilprobleme bestehen darin, daß das Computerprogramm
lernt, eine bestimmte Type von Knoten von anderen zu unterscheiden und seine
Suche unter Bezug auf diese Knoten durchzuführen. Diese Typen von Knoten werden
"centroids" genannt. Durch Berücksichtigung der centroids
wird der Prozeß des Findens der Verbindungsstrecke zwischen zwei Knoten verändert.
Zuerst wird in konzentrischen Kreisen rund um den Ausgangsknoten gesucht.
Wird ein centroid entdeckt, ist die erste Phase der Suche beendet. Wird bei
der Suche ein bestimmtes Ausmaß des Suchradius überschritten (z.B. 2/3), wird
aus dem am Ende des Radius liegenden Knoten ein centroid. In einer zweiten
Phase wird rund um den Zielknoten mit den gleichen Folgen wie unter der ersten
Phase gesucht. Wenn nach den beiden ersten Phasen Ausgangs- und Zielknoten
nicht verknüpft werden können, wird in einer dritten Phase versucht, zwischen
dem centroid, der in der Nähe des Ausgangsknoten liegt und dem centroid, der
in der Nähe des Zielknotens liegt, eine Verbindung zu finden. Ist die Verbindung
zwischen den centroids gefunden und ist vorher die Verbindung der centroids
zu den Ausgangs- und Zielknoten gespeichert, ist das Problem gelöst. Vom Computerprogramm
werden dann für die nächste Planungsaufgabe nur mehr die Strecken zwischen
den centroids gespeichert. Sie entsprechen dann Hauptstrecken, die im Sinne
von Autobahnen für den Langstreckenverkehr zwischen Knoten "befahren"
werden. Empirische Ergebnisse hinsichtlich der Leistungsfähigkeit dieses Ansatzes
bzw. hinsichtlich der Adäquatheit für menschliche Informationsnetzbenutzer
liegen nicht vor.
BEWERTUNG RAUM-BEZOGENER ANSÄTZE ZUM INFORMATIONSZUGRIFF
IN INFORMATIONSNETZEN
Berücksichtigung von nicht-linearen Lernbedingungen: Alle vier in diesem Abschnitt behandelten Ansätze betreffen als
zentrale Lernbedingung die Orientierung in einem Informationsnetz und können
im Zusammenhang des lost-in-hyperspace gesehen werden. Orientieren sich Informationsnetzbenutzer
z.B. an Landmarks wird das höchstwahrscheinlich die Bestimmung der Position
im Informationsnetz erleichtern und damit lost-in-hyperspace verringern oder
überhaupt verhindern. Verbesserte Orientierung dürfte in der Regel auch dazu
führen, daß der Umfang eines Informationsnetzes genauer eingeschätzt werden
kann. Auf diese Weise könnten sich Fehleinschätzungen bezüglich dieses Umfanges
reduzieren lassen.
Berücksichtigung von browsing-spezifischem
Lernpotential: Ist der Benutzer eines Informationsnetzes in der Lage, seine
Position zu bestimmen, dürfte die Suche nach bestimmten Knoten erheblich erleichtert
sein, was Vorteile für das Lernpotential von Browsing bringt. Ist Orientierungssicherheit
gegeben, wird das auch Auswirkungen auf das Explorationsverhalten zeigen:
Je leichter der eigene Standort wieder gefunden werden kann, desto eher wird
man bereit sein, den Rest des Informationsnetzes zu erkunden, was umfangreichere
Aktivitäts- und Herstellungseffekte zur Folge hat als wenn man sich nur zaghaft
im Informationsnetz bewegt. Andererseits kann die Speicherung und Verarbeitung
von Wissen zur Orientierung den Zustand kognitiver Überladung verursachen.
Ungelöst ist die Frage nach einem Mittelmaß, das sowohl den Vorteil der Orientierung
bringt, als auch den Nachteil von Arbeitsgedächtnisproblemen ausräumt. Möglichkeiten
zur Lösung dieses Dilemmas scheinen zu sein, daß der Orientierung Augenmerk
geschenkt wird, wenn sie für die Aufgabenstellung zentral ist oder in einer
ersten Phase nach dem Einstieg in das Informationsnetz. Auch fordert die Orientierung
nach Wegstrecken möglicherweise weniger Lernressourcen als die Ausrichtung
nach komplexen Landkarten.
Forschungsdefizite: Wie in kaum einen anderen Bereich der
Erforschung des Informationszugriffes in Informationsnetzen kann bei den hier
vorliegenden Modellen eine Integration geleistet werden. Die vier behandelten
Modelle können auf der Basis des Ansatzes von Edwards + Hardman (1989) integriert
werden. Die Autoren gehen davon aus, daß zunächst Orientierungspunkte bestimmt
werden. Exakt diese Aufgabe leistet der Ansatz von Valdez, Chignell + Glenn
(1988). Die Verbindung der Orientierungspunkte erzeugt ein Netz von Hauptstraßen.
Der Vorgang des Findens einer Verbindung zwischen zwei Knoten wird durch die
Arbeit von Leiser + Zilbershatz (1989) behandelt. Verfeinerte Straßennetze
über Teilbereiche des Informationsnetzes können auf der Basis der unterschiedlichen
Streckentypen von Canter, Rivers + Storrs (1985) aufgebaut werden. Trotz dieses
forschungsrelevanten Vorteils sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine Reihe
von Fragen ungeklärt. Zum einen ist nicht erforscht, ob tatsächlich alle aufgeführten
Komponenten in der angenommenen Reihenfolge bei Informationsnetzbenutzern
auftreten, zum anderen ist unklar, ob überhaupt alle notwendig sind, um sich
erfolgreich orientieren zu können. Weitgehend ungeklärt stellt sich der Einfluß
der Informationsnetzgröße auf das Orientierungsverhalten in diesem Zusammenhang
dar. In einfachen Netzen mit wenigen Knoten und Verknüpfungen dürften andere
Orientierungsstrategien - z.B. mehr strecken- als kartenbezogene - erfolgreicher
sein als in komplexen Netzen. Auch dürften für unterschiedliche Aufgaben jeweils
andere Komponenten relevant sein. Für die Suche von Information ist Streckenwissen
ausreichend, geht es darum, Entfernungen abzuschätzen oder Positionen zu bestimmen,
erweist sich der Einsatz von Landkarten als geeigneter (vgl. Dillon, McKnight
+ Richardson, 1990, S. 588). Weiters wurden geschlechtsspezifische Einflüsse
im Orientierungsverhalten beim Kartenlesen festgestellt, die in Informationsnetzen
noch unzureichend erforscht wurden. Erste Ergebnisse zeigen im Orientierungsverhalten
bei weiblichen Versuchspersonen gegenüber Männern eine stärker ausgeprägte
"tendency to resort to guessing paired with a strategy of making conservative
estimates" (Holding + Holding, 1989, S. 40). Die hier angeführten,
räumlich-orientierten Ansätze des Informationszugriffes bieten auch Ansatzpunkte,
genau zu klären, "what it means in cognitive terms for readers to
get ´lost´ in networked text" (Charney, 1987, S. 117). Es müßten
sich z.B. Lernwege bzw. Streckenwahlen durch Informationsnetze identifizieren
lassen, die besonders häufig zum lost-in-hyperspace-Phänomen führen. In diesem
Zusammenhang müßte z.B. zuerst aber geklärt werden, ob die von Canter, Rivers
+ Storres (1985) angegebenen komplexen Informationszugriffsarten tatsächlich
trennscharf sind. Im besonderen können "Browsing" und "Wandering"
nach der Definition der Autoren nur schwer begrifflich von einander abgegrenzt
werden.
Faßt man die in diesem Abschnitt behandelten
Ansätze zusammen, so fällt ihre - zumindest auf grobe Ablaufprozesse
bezogene - gute Integrierbarkeit auf. Für einige Ansätze liegen zudem in Informationsnetzen
durchgeführte Untersuchungen vor, die erste Hinweise auf die Auftretenshäufigkeit
und Lernrelevanz einzelner Modellaspekte geben. Auf diesem Hintergrund bieten
die berichteten Ansätze zumindest eine gute Ausgangsbasis, um das Problem
der räumlichen Orientierung in Informationsnetzen näher untersuchen zu können.
3.4. Begriffsbezogene Aspekte des Informationszugriffes
In diesem Abschnitt werden Ansätze dargestellt, die den Informationszugriff
in Informationsnetzen auf dem Hintergrund der Bestimmung der Bedeutung von
Informationen beleuchten. Der Informationszugriff funktioniert demnach nach
Annahmen der "Aktivierungsausbreitung" in semantischen Gedächtnisnetzwerken,
durch Orientierung an "Schlüsselwörtern" bzw. an "latenten
Konstrukten", über die Feststellung semantischer "Distanzen"
oder als ein diese Aspekte integrierender "Inferenzprozeß".
"SPREADING
ACTIVATION"-THEORIE (COLLINS + LOFTUS 1975)
Die Querverbindungen der "Spreading-Activation"-Theorie
von Collins + Loftus (1975) zur Struktur von Informationsnetzen wurde im Abschnitt
2.3.2. dargestellt. In diesem Teil sollen Aussagen der Theorie in Hinblick
auf den Informationszugriff angeführt werden. Aus einer Reihe von in Frage
kommenden Ansätzen zu semantischen Gedächtnisnetzwerken - eine Aufstellung
liefern z.B. Smith (1978, S. 7f) oder Johnson-Laird + Herrmann (1984, S. 294f)
wurde stellvertretend die Theorie von Collins + Loftus (1975) ausgewählt.
Der
Ansatz wurde z.B. von Kintsch (1980, S. 602) als "the semantic memory
model to end all models" angesehen und von Chang (1986, S. 216) als
ein Modell, das "clearly has a wider scope of application than its
competitors".
Wie Information in einem semantischen Netz verarbeitet wird, findet
in einer Reihe von Annahmen - den sogenannten "Local Processing Assumptions"
Ausdruck (vgl. Collins + Loftus, 1975, S. 411f). Wenn man davon ausgeht, daß
Gedächtnismodelle kompatibel zu Informationsnetzen sind (vgl. Abschnitt 2.3.2.),
können eine Reihe von Annahmen über den Informationszugriff in Informationsnetzen
formuliert werden. Eine erste Annahme besagt, daß die Verarbeitung der Information
eines Knotens im einem Gedächtnisnetzwerk dazu führt, daß mit ihm verknüpfte
Knoten aktiviert werden, wobei diese Aktivierung mit zunehmender Stärke der
Verbindungen zunimmt. In einem Informationsnetz werden demnach die Knoten
aufgerufen, die stark mit einem Ausgangsknoten verknüpft sind. Je länger ein
Knoten bearbeitet wird, desto länger wirkt diese Aktivierung. Auf den Knotenaufruf
in Informationsnetzen umgelegt, bedeutet diese zweite Annahme, daß die Wahl
von verknüpften Knoten zeitlich um so länger stattfindet, je größer der Zeitraum
war, der mit der Verarbeitung - z.B. beim Lesen - des Ausgangsknotens verbracht
wurde. Die dritte Annahme besagt, daß die Intensität der Aktivierung durch
intervenierende Tätigkeiten abnimmt. Für den Informationszugriff heißt das,
daß je mehr diese Bearbeitung durch andere Tätigkeiten gestört wird, desto
schwächer ist die Aktivierung, die auf verknüpfte Knoten übergeht bzw. desto
unwahrscheinlicher wird deren Auswahl. Die vierte Annahme lautet, daß sich
die Aktivation von verschiedenen Knoten summiert. In einem Informationsnetz
werden demgemäß jene Knoten gewählt, die mit vielen anderen Knoten verknüpft
sind. Die gemachten Annahmen wurden im Zusammenhang mit Gedächtnisexperimenten
gut bestätigt (vgl. Collins + Loftus, 1975, S. 415f), ob die Ableitungen für
den Informationszugriff in Informationsnetzen zutreffend sind, ist nicht untersucht.
"LATENTE SEMANTISCHE ANALYSE" (DUMAIS, FURNAS, LANDAUER,
DEERWESTER + HARSHMAN 1988)
Ein Standardvorgehen, um relevante Knoten in einem Informationsnetz
zu finden, besteht nach Dumais, Furnas, Landauer, Deerwester + Harshman (1988,
S. 281) darin, Knoten aufzurufen, die ein Wort enthalten, das in der Formulierung
der Aufgabenstellung genannt ist. Dieses betreffende Wort wird als "Schlüsselwort"
bezeichnet. Stützt sich der Informationszugriff nur auf diese Schlüsselwörter,
treten zwei Probleme auf. Erstens werden verschiedene Wörter für die Bezeichnung
ein und desselben Begriffes verwendet; zweitens kann ein Wort mehrere Bedeutungen
aufweisen. Diese Umstände führen dazu, daß ein Teil von relevanten Knoten
nicht entdeckt wird, andererseits, daß viele irrelevante Knoten aufgerufen
werden. Um dieses Problem in den Griff zu bekommen, werden vom Benutzer (oder
vom Informationsnetz selbst) Wörterverzeichnisse, Thesauri, etc. angelegt
und zum Aufruf von Knoten verwendet. In diesen auf Notizen basierenden Zusammenstellungen
finden Knoten Berücksichtigung, die vom Schlüsselwort abgeleitete Wörter enthalten.
So werden z.B. Knoten aufgerufen, die mit dem Schlüsselwort konjugierte bzw.
deklinierte oder zusammengesetzte Wörter enthalten. Nachteil dieses Informationszugriffes
ist der große Arbeitsaufwand, der im Umgang mit Informationsnetzen wichtige
Lernressourcen bindet.
Die Probleme, die bei der Schlüsselwort-Suche auftreten, versuchen
die Autoren dadurch zu umgehen, daß sie ein Wort als "an unreliable
estimate of the true, larger pool of words that could have been associated
with each object" ansehen (ebd., S. 282). Sie nehmen an, daß der
Auswahl von Wörtern und damit in der Folge von Knoten, eine latente semantische
Struktur zugrundeliegt. Von den Autoren wird ein eng an die Faktorenanalyse
angelehntes Verfahren - das sogenannte "latent semantic indexing (LSI)"
vorgeschlagen, das diese latenten Strukturen aus Wörtern (Suchbegriffe) und
den vorhandenen Knoten (Dokumente) eines Informationsnetzes bildet. Die latenten
Strukturen entsprechen den Faktoren, Wörter und Knoten den Variablen. Knoten
werden demnach dann aufgerufen, wenn sie mit den in der Aufgabenstellung vorhandenen
Wörtern einer gemeinsamen semantischen Struktur angehören. Dies ist dann der
Fall, wenn a) ein Teil von Wörtern häufig in einem Anteil der Knoten vorkommen
(- entspricht einer hohen Ladung auf einem Faktor); wenn b) dieselben Wörter
nicht oder nur wenig häufig in anderen Anteilen der Knoten vorkommen (- entspricht
einer niedrigen Ladung auf anderen Faktoren -) und wenn Bedingung a) und b)
auch für andere Wörter gelten.
Um die Leistungsfähigkeit des LSI-Verfahrens gegenüber der Schlüsselwort-Suche
zu bestimmen, wurde dieses Verfahren so in ein Informationsnetz implementiert,
daß dieses selbständig bei gegebenen Schlüsselwörtern relevante Knoten auswählt.
Als Bewertungskriterium wurde die "Präzision" gewählt: Sie
betrifft den Anteil von für die Aufgabenstellung relevanten Knoten, die bei
gegebenen Schlüsselwörtern für den Informationsnetzbenutzer ausgewählt wurden.
Verwertbare Ergebnisse bei über 1000 Knoten und fast 6000 Begriffen zeigten
eine Präzision von 51 Prozent beim LSI-Verfahren und von 45 Prozent bei der
Schlüsselwort-Suche, wo ein Knoten immer dann ausgewählt wurde, wenn er ein
für die Aufgabenstellung relevantes Wort enthielt.
"DISTANZ" IM SEMANTISCHEN RAUM (Rada, Mili, Bicknell +
Blettner 1989)
Ausgangspunkt der Untersuchungen von Rada, Mili, Bicknell + Blettner
(1989) bildet die Aufgabe, Bewertungen (Rankings) von Informationsnetzen im
Bereich der Bio-Medizin zu entwerfen. Mit den Rankings soll ein Maß gefunden
werden, das Auskunft darüber gibt, wie effizient in Informationsnetzen gesuchte
Informationen gefunden werden können. Als zentraler Informationsverarbeitungsprozeß
bei der Bearbeitung von Informationsnetzen wird angenommen, daß Begriffe verglichen
werden. Der Begriffsvergleich geht nach vereinfachten Annahmen von Theorien der "spreading
activation" vor sich: "One of the assumptions of the theory
of spreading activation is that the semantic network is organized along the
lines of semantic similarity. The more properties two concepts share in common,
the more links there are between the concepts and the more closely related
they are" (ebd., S. 18).
Je ähnlicher sich zwei Begriffe sind, desto geringer ist ihre "konzeptuelle
Distanz". Stellt man sich Begriffe als Punkte in einem multi-dimensionalen
Raum vor, entspricht die konzeptuelle Distanz der Entfernung zwischen den
betrachteten Punkten. Zur Berechnung der konzeptuellen Distanz zwischen zwei
Begriffsgruppen (z.B. "altes rotes Haus" und "neue rosa Villa")
wird das Distanzmaß D vorgeschlagen. Es wird folgendermaßen errechnet (ebd.,
S. 21):
m
n
D
(X, Y) = (1 / m.n)
*
d (Xi, Yj).
i=1 j=1
X repräsentiert eine Gruppe von zusammengehörigen Begriffen, Y eine
Gruppe von anderen zusammengehörigen Begriffen. X umfaßt i bis maximal m Begriffe,
Y umfaßt j bis maximal n Begriffe. Für jeden Begriff der Begriffsgruppe X
wird zu jedem Begriff der Begriffsgruppe Y die Distanz d festgelegt. Nimmt
man z.B. an, daß X drei Begriffe (m=3) umfaßt und Y auch drei Begriffe (n=3),
ergeben sich 3x3=9 Begriffskombinationen, für die die Distanz d festzulegen
ist. Die Distanz d entspricht der minimalen Anzahl von hierarchischen Beziehungen,
die in einem Informationsnetz überwunden werden müssen, um von einem Begriff
einer Begriffsgruppe zu einem Begriff einer anderen Begriffsgruppe zu kommen
(Rada, Mhashi + Barlow, 1990, S. 123). Das Distanzmaß D ergibt sich durch
Summieren der Distanzen aller Begriffskombinationen multipliziert mit dem
Ausdruck (1 / m.n). Dieser Ausdruck dient zur Korrektur der Auswirkungen der
Anzahl der Begriffe auf das Distanzmaß: Ohne diese Ergänzung würden Begriffsgruppen
mit vielen Begriffen generell weiter entfernt liegen als solche mit wenigen
Begriffen.
In einer Validierungsstudie wurde im Rahmen obiger Arbeit untersucht,
ob das Distanzmaß tatsächlich konzeptuelle Distanz abbildet, wie sie von Informationsnetzbenutzern
erlebt wird. Dabei wurde von der Annahme ausgegangen, daß ein Informationsnetz
dann besonders relevant für eine gesuchte Information ist, wenn zwischen den
zu suchenden Begriffen und den im Informationsnetz enthaltenen Begriffen keine
oder nur geringe konzeptuelle Distanzen vorhanden sind. Versuchspersonen wurde
die Aufgabe gestellt, eine Reihe von Dokumenten dahingehend einzuschätzen,
ob sie für bestimmte gesuchte Begriffe relevante Information enthalten. Die
konzeptuelle Distanz zwischen den (ca. fünfzehn) gesuchten Begriffen und den
in den (um sechzig) Dokumenten vorhandenen wurde anhand des Distanzmaßes festgestellt.
Zur Überprüfung der Validität des Distanzmaßes wurden Korrelationen zwischen
den Relevanzeinschätzungen und den Distanzmaßen für alle vorhandenen Suchbegriffe
und Dokumente durchgeführt. Als Ergebnisse der mit Wissenschaftlern als Versuchspersonen
durchgeführten Studie zeigten sich statistisch bedeutsame Korrelationen, was
als eindeutiger Validitätshinweis gewertet wird.
"INFERENZ"-ZUGRIFF (LUCARELLA 1990)
Ziel der Arbeit von Lucarella (1990) ist es, intelligentes Informationszugriffsverhalten
in Informationsnetzen am Computer nachzubilden, d.h. ein Computerprogramm
soll die Verhaltensweisen zeigen, die ein menschlicher Informationsnetzbenutzer
verwendet, um benötigte Informationen zu sammeln. Intelligent ist Informationszugriffsverhalten
dann, wenn es diese Aufgabe erfolgreich - mit möglichst wenigen Fehlern und
geringem Zeitaufwand - lösen kann. Der
Informationszugriff wird dabei als Inferenzprozeß angesehen: Der jeweils gefundene
Knoten "can be treated as a theorem to be proven or disproven on the
basis of the interpretation of the assertions for the domain of interest"
(ebd., S. 83f). Dieser Inferenzprozeß basiert auf unbestimmter oder unpräziser Grundlage,
da sowohl die im Informationsnetz enthaltenen Knoten als auch die gestellte
Aufgabe in der Regel nicht exakt bestimmt sind. Knoten können als Begriffe
angesehen werden, die mit anderen Begriffen in unterschiedlicher Stärke verbunden
sind. Die Stärke bezieht sich auf die semantische Ähnlichkeit zwischen den
Knoten.
Die erste Phase des Inferenzzugriffes besteht darin, einen Knoten
zu finden, der einen Begriff darstellt bzw. Begriffe enthält, die möglichst
den Begriffen ähnlich sind, die in der Aufgabenstellung vorkommen. Von diesem
gefundenen Knoten ausgehend werden in einem "Knotenaktivierungsprozeß"
alle verknüpften Knoten aufgerufen; von den verknüpften Knoten werden wieder
alle verknüpften Knoten aufgerufen usw. Dieses Vorgehen hätte zur Folge, daß
bei einem Suchvorgang sehr viele Knoten aufgerufen würden. Damit dies nicht
geschieht, wird in der zweiten Phase ein Distanzkriterium berücksichtigt,
das besagt, daß verknüpfte Knoten dann nicht mehr aufgerufen werden, wenn
sie semantisch zu weit vom ursprünglichen Knoten entfernt sind. Damit erfolgt
eine Vorauswahl von für die Aufgabenstellung relevanten Knoten. Den vorselektierten
Knoten wird in einer dritten Phase ein sogenannter "membership value"
zugewiesen. Dieser besteht in der Einschätzung der Enge der begrifflichen
Verbundenheit der ausgewählten Knoten mit der gestellten Aufgabe. In einer
vierten Phase werden die Knoten nach dem membership value gereiht und gemäß
der Reihung zur Lösung der gestellten Aufgabe aufgerufen.
BEWERTUNG BEGRIFFSBEZOGENER ASPEKTE ZUM
INFORMATIONSZUGRIFF
Berücksichtigung von nicht-linearen Lernbedingungen: Begriffsbezogene Ansätze zum Informationszugriff können insbesondere
mit den in Informationsnetzen herrschenden Lernbedingungen der verzweigten
Ideenentwicklung und des relativistischen Denkstiles in Zusammenhang gebracht
werden. Wesentliches Merkmal der verzweigten Ideenentwicklung ist es, daß
Informationen in unterschiedlichen Kontexten - realisiert über Verknüpfungen
zu anderen Knoten - jeweils verschiedene Bedeutung aufweisen. Als Folge dieser
Mehrdeutigkeit trachten Informationsnetzbenutzer danach die Bedeutung einzelner
Informationen bzw. Begriffe zu klären. Gerade dieses Erkunden der Bedeutung
von Information wird in den begriffsbezogenen Ansätzen behandelt. Zumindest
implizit mit diesem Umstand verbunden, ist der Gesichtspunkt, daß Knoten nicht
isoliert von einander vorliegen, sondern daß sie immer in Relation zu anderen
Knoten - also relativistisch - gesehen werden müssen. Der relativistische
Kontext als Basis für die Lernbedingung des relativistischen Denkstils wird
in den vorliegenden Ansätzen durch Aktivierungsausbreitung, abgeleitete Schlüsselwörter,
latente semantische Strukturen oder hierarchische Ebenen berücksichtigt. Ein
relativistischer Denkstil ist z.B. dann gegeben, wenn Knoten mit unterschiedlichen
latenten Konstrukten in Beziehung gesetzt werden. Hat ein Informationsnetzbenutzer
die Aufgabe, möglichst viel über das Thema "Vulkanismus" zu lernen,
wird er einen Knoten über "Magma" danach bewerten, ob er zu diesem
Thema - verstehbar als latentes Konstrukt - gehört oder nicht.
Berücksichtigung von browsing-spezifischem
Lernpotential: Ein nach von diesen Ansätzen abgeleiteten Kriterien funktionierender
Informationszugriff dürfte wichtiges Lernpotential von Browsing aktivieren:
Durch die Nähe zu Gedächtnismodellen können alle Ansätze - besonders der von
Collins + Loftus (1975) - als kognitiv kompatibel bezeichnet werden (vgl.
Abschnitt 2.3.2.). Durch die Berücksichtigung von begrifflichen Kontexten
der hier angeführten begriffsbezogenen Modelle werden auch Restrukturierungsprozesse
nach dem Drei-Lernprozeß-Modell unterstützt: Restrukturierung tritt dann auf,
wenn bestehendes Wissen neu verknüpft oder neu in Relation mit anderem Wissen
gesetzt wird. Genau dieser Effekt ist durch ein begriffsbezogenes bzw. -klärendes
Vorgehen - wie es von den Ansätzen beschrieben wird - erzielbar.
Forschungsdefizite: Für die Ansätze von Dumais et al. (1988) und Rada et al. (1989)
liegen erste empirische Studien als Validitätsüberprüfungen vor. Das Modell
von Rada et al. (1989) setzt - zur Bestimmung des Distanzmaßes - voraus, daß
hierarchische Strukturen in Informationsnetzen entdeckt werden müssen. Gerade
diese Aufgabe ist aber für Informationsnetzbenutzer erheblich erschwert, da
in Informationsnetzen in der Regel nicht hierarchische, sondern vernetzte
Strukturen vorhanden sind. Auf diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob
Informationsnetzbenutzer eigenständig hierarchische Begriffsstrukturen aufbauen,
unabhängig davon, welcher Strukturierungsgrad im jeweiligen Informationsnetz
gegeben ist. Der Ansatz von Collins + Loftus (1975) ist zwar umfassend in
Bezug zu Informationsverarbeitungsprozessen im Gedächtnis untersucht, es fehlt
aber eine Bestätigung der Aussagen beim Lernen in Informationsnetzen. Es müßte
also überprüft werden, ob die Auswahl von Knoten tatsächlich nach dem Aktivierungsprinzip
von Gedächtnismodellen funktioniert. Eine besondere Notwendigkeit dieser Überprüfung
ergibt sich daraus, daß im Gedächtnis viele automatische Prozesse angenommen
werden, die keiner bewußten kognitiven Steuerung unterliegen. Der Informationszugriff
in Informationsnetzen stellt hingegen weitgehend kontrolliertes Vorgehen dar,
wo viele rationale Entscheidungen zur erfolgreichen Aufgabenbewältigung getroffen
werden müssen. Außerdem ist die Annahme, daß Knoten in Informationsnetzen
Begriffe in Gedächtnismodellen darstellen, nur sehr undifferenziert. In vielen
Knoten eines Informationsnetzes sind gleichzeitig mehrere Begriffe enthalten,
d.h. es gibt nicht nur eine Verknüpfung von Begriffen zwischen Knoten, sondern
auch innerhalb von Knoten. Für das Modell von Lucarella (1990) gelten alle
hier angeführten Kritikpunkte, da es in sich die anderen Ansätze integriert.
Die Integrationsleistung besteht dabei darin, daß die in den anderen Modellen
postulierten Informationszugriffsarten als Subprozesse eines Ablaufmodells
Berücksichtigung finden.
Zur allgemeinen Bedeutung von begriffsbezogenen Modellen des Informationszugriffes
muß gesagt werden, daß nicht nur semantische, sondern auch andere Beziehungen
zwischen Knoten bestehen. In diesem Zusammenhang stellt sich besonders die
Frage, inwieweit semantische Strukturen nicht durch andere überlagert werden.
Gerade die in Abschnitt 3.2. behandelten Ansätze von Kuhl (1983), Dörner (1988)
und Gilligan + Bower (1988) verweisen auf diesen Umstand. Zwar sind diese
Ansätze von ähnlicher Struktur wie das Modell von Collins + Loftus (1975),
trotzdem weisen sie auf völlig andere als auf semantische Einflußgrößen im
Informationszugriff hin. In Informationsnetzen müssen nicht nur Begriffe geklärt
werden, sondern auch Lernziele erreicht und eigene Stimmungen berücksichtigt
werden. Knoten kommt deshalb nicht nur semantische, sondern auch zielrelevante
oder stimmungsbezogene Funktion zu. In diesem Zusammenhang stellt sich die
Frage, in welcher Priorität diese Funktionen vom Informationsnetzbenutzer
berücksichtigt werden.
Faßt man die vorliegenden Ansätze zum begriffsbezogenen
Informationszugriff zusammen, so muß auch hier die Möglichkeit der
Integration der mitunter sehr unterschiedlichen Ansätze hervorgehoben werden.
Durch die Strukturähnlichkeit der betreffenden Modelle mit motivations- und
emotionstheoretischen Ansätzen wird besonders auf eine mögliche Verschränkung
unterschiedlicher Ansätze des Informationszugriffes hingewiesen. Die Modelle
von Kuhl (1983), Dörner (1988) und Bower + Gilligan (1988) können demnach
als (erweiterte) Spezialfälle des Ansatzes von Collins + Loftus (1975) gesehen
werden, was den Schluß nahelegen würde, daß auch ziel- und stimmungsorientierte
Informationsauswahl eine besondere Qualität der begriffs- bzw. semantisch-orientierten
Auswahl darstellt. Denkbar wäre in diesem Zusammenhang, daß die Informationsauswahl
in idealen (nicht gestörten) Bedingungen semantisch-orientiert vor sich geht.
Durch die Setzung von Zielen oder Subzielen und durch das Auftreten von stimmungsverändernden
Umständen können diese idealen Bedingungen allerdings gestört werden.
3.5.Aspekte gemischter Modelle des Informationszugriffes
Gemischte Modelle des Informationszugriffes sind solche, die sich
nicht eindeutig den bisher dargestellten Aspekten des Informationszugriffes
zuordnen lassen. Auf dem Hintergrund dieser Ansätze werden Informationszugriffe
abhängig gesehen von: "Knotengewichten" und der Verwendung
informationsnetzspezifischer "Lernhilfen", "Glaubensgraden","Begriffs-"
und "Zielorientierungen", "Wahrscheinlichkeitsmodellen","Zugriffsstilen",
"Verknüpfungswahlen" und "Analogiebildungen".
"KNOTENGEWICHT" UND "LERNHILFEN" (FRISSE
1988)
Frisse (1988, S. 882) stellte unstandardisierte Beobachtungen beim
Lernen in einem auf medizinischen Inhalt bezogenen Hypertext an. Dabei fand
er, daß es für erfolgreichen Informationszugriff besonders wichtig ist, Knoten
zu finden, die optimale Startpunkte darstellen. Ob ein Knoten einen
lern-optimalen Startpunkt darstellt, wird durch sein "intrinsisches"
und "extrinsisches" "Knotengewicht" bestimmt.
Ausgangspunkt für die Zuweisung der jeweiligen Gewichte ist die Annahme, daß
ein bestimmter Begriff gesucht wird. Ein Knoten hat demnach ein hohes "intrinsisches
Knotengewicht", wenn er wenig gebräuchliche Begriffe enthält und
wenn ein Begriff mehrmals im Knoten vorkommt, der sonst selten in anderen
Knoten gefunden wird. Das "extrinsische Knotengewicht"
berücksichtigt die Verknüpfungen eines Knotens: Es wird dann als hoch angesehen,
wenn die Summe der intrinsischen Knotengewichte der mit dem Knoten verknüpften
anderen Knoten (Nachbarknoten) hoch ist. Dabei finden nur Knoten Berücksichtigung,
die direkt mit dem Knoten verknüpft sind, dessen Knotengewicht errechnet wird.
Wenn auf diese Weise die Knotengewichte für eine Reihe von Knoten bestimmt
worden sind, werden die Knoten gemäß ihrem Gewicht in eine Rangreihe gebracht.
Die Knoten mit dem größten Knotengewicht werden dann zuerst erkundet. Der
Informationszugriffsprozeß wird dann abgebrochen, wenn die Knotengewichte
einen vorher bestimmten Wert unterschreiten.
Neben der Orientierung an optimalen Startpunkten, werden vom Autor
lernunterstützende Maßnahmen vorgeschlagen, die den Informationszugriff
in Informationsnetzen effektiver werden lassen (ebd., S. 884). Dabei findet
Berücksichtigung, wie Menschen üblicherweise mit Büchern umgehen. Auf diesem
Hintergrund sollten Informationsnetze die Möglichkeit bieten, Hervorhebungen
von wichtigen Informationen durchführen zu können. Anmerkungen sollen implizite
Zusammenhänge explizit oder einen komplizierten Text verständlicher machen.
Wird ein Knoten von einem anderen aus gewählt, soll es auch die Möglichkeit
geben, zum Ausgangsknoten zurückblättern zu können. Auch sollte es möglich
sein, Aufzeichnungen über besonders relevante Pfade durch das Informationsnetz,
Zusammenfassungen, Textauszüge oder Bearbeitungspläne erstellen zu können.
Wissen über relevante Pfade erleichtert das Einsteigen nach Unterbrechungen.
Zusammenfassungen kommt die Aufgabe zu, einerseits aufzuzeigen, welche Teile
des Informationsnetzes bereits gewählt wurden, andererseits wichtige Informationen
komprimiert wiederzugeben. Das Anfertigen von Textauszügen ist notwendig,
um Informationen auf andere Lernmedien (Papier, etc.) übertragen zu können.
Bearbeitungspläne enthalten Lernziele bzw. zukünftige Lernaufgaben.
"GLAUBENSGRAD" (FRISSE + COUSINS 1989)
Frisse + Cousins (1989, S. 206) gehen von sogenannten "belief
networks" aus, wo Knoten Variablen und Verknüpfungen Wahrscheinlichkeitsrelationen
darstellen. Knoten werden hierarchisch nach Begriffsrelationen geordnet. Übergeordnete
Knoten werden als "Eltern" bezeichnet, untergeordnete als
"Kinder".
Auf Knoten wird dann zugegriffen, wenn sie einen hohen "Glaubensgrad"
aufweisen. Der Glaubensgrad ergibt sich aus dem Verhältnis zwischen brauchbaren
und nicht brauchbaren Informationen, die ein Knoten enthält. Neben dieser
Bewertung, die nach jeder Knotenwahl stattfindet, wird der Glaubensgrad auch
erhöht oder gesenkt durch Veränderungen des Glaubensgrades aller Eltern- und
Kinder-Knoten. Die Brauchbarkeit bzw. Nicht-Brauchbarkeit eines Knotens wird
durch sich laufend verändernde Interessen des Informationsnetzbenutzers bestimmt.
Relevante Auswirkungen in Hinblick auf das Zugriffsverhalten zeigen sich dabei
nicht in den absoluten Werten des Glaubensgrades, sondern im Ausmaß seiner
Veränderung. D.h. es wird besonders auf Knoten zugegriffen, die eine hohe
positive Veränderung im Glaubensgrad erfahren haben. Demgegenüber finden Knoten
kaum Berücksichtigung, wenn eine große Verringerung des Glaubensgrades stattgefunden
hat.
"BEGRIFFS- UND ZIELORIENTIERUNG" (DUFRESNE, JOLIN + SENTENI
1990)
Dufresne, Jolin + Senteni (1990) untersuchten browsing-spezifischen
Informationszugriff auf dem Hintergrund von ergonomischen Anforderungen
an Computersysteme. Die Schwierigkeiten, die sich bei der Bedienung von Computersystemen
ergeben, bestehen darin, daß Ziele und Handlungen zur Erreichung dieser Ziele
in die Sprache des Computers übersetzt werden müssen, um von diesem ausgeführt
werden zu können. Als hilfreich für diese Aufgabe haben sich "direct
manipulation interfaces" herausgestellt. Sie stellen graphische Benutzeroberflächen
dar, die - in der Regel über Zeigergeräte (z.B. eine Maus) - eine relativ
einfache Eingabe von Daten ermöglichen. Die Benutzeroberfläche "Windows"
auf Personalcomputern stellt z.B. ein solches Interface dar. Es kennzeichnet
sich vor allem durch physikalische Analogien (z.B. Files in Verzeichnissen
entsprechen Karteikarten eines Karteikastens) und interaktives Arbeiten (z.B.
auf Eingabe eines Befehles erfolgt die sofortige, am Bildschirm dargestellte
Ausführung). Direct manipulation interfaces fördern zwar exploratives Lernverhalten,
unterstützen nach Ansicht der Autoren den Lernprozeß aber nicht optimal. Die angebotenen Hilfen sind "too parcelled, static and do
not offer enough examples, exercises and information on possible errors"
(ebd., S. 97). Solche Benutzeroberflächen können auch als Lernumgebungen angesehen
werden, die freies - d.h. mit wenigen und keinen Lernhilfen versehenes - Explorieren
von Daten erlauben, was zentralen Eigenschaften von Browsing in Informationsnetzen
entspricht. Protokollanalysen (vgl. Hewett + Scott, 1987) wurden durchgeführt,
um Schwierigkeiten und natürliche Strategien zu entdecken, die in der Arbeit
mit direct manipulation interfaces auftreten.
Als eine erste Vorgehensweise, in solchen interfaces Wissen zu erwerben,
zeigt sich die Suche nach Definitionen von Begriffen. Um den Verstehensprozeß
anzuregen, wird der Inhalt eines gewählten Knotens zu einem gegebenen Kontext
und früher erworbenem Wissen in Relation gesetzt. Beispiele werden generiert,
wenn keine angegeben sind. Weiters wird versucht, eine möglichst einfache
Repräsentation eines Begriffes zu erreichen, was dadurch angeregt wird, daß
verschiedene Wörter zur Bezeichnung ein und desselben Begriffes verwendet
werden. Gesucht wird auch nach Abbildungen, die helfen, Begriffe genauer zu
klären. Der zweite Aspekt der Arbeit mit direct manipulation interfaces besteht
darin, Ziele festzulegen. Sie geben an, welche nächsten Handlungsschritte
durchgeführt werden sollen, um ein bestimmtes Handlungsergebnis zu erreichen.
Knoten werden danach bewertet und ausgewählt, ob sie die Erreichung eines
Handlungsergebnisses möglich machen. Mit den einzelnen Knoten wird versucht,
eine ziel-orientierte Repräsentation der gestellten Aufgabe zu erreichen.
Sie ist sequenziell oder hierarchisch aufgebaut. Gesucht wird auch nach "imperativen"
Knoten, die direkt oder indirekt angegeben, welche Schritte als nächste zu
unternehmen sind.
DAS KNOTENWAHL-MODELL (MCALEESE 1990)
McAleese (1990, S. 98f) berichtet von Erfahrungen, die mit dem Informationsnetz
"Semnet" gemacht wurden. In "Semnet" stellen
Knoten Begriffe dar, Verknüpfungen geben die semantische Relation zwischen
den Begriffen an. Lernen wird als Prozeß aufgefaßt, "by which existing concepts
are reordered or re-constructed into new and stable structures" (ebd.,
S. 106). In Hinblick auf den Informationszugriff geht der Autor davon aus,
daß die Benutzer eines Informationsnetzes von einem Knoten zu einem anderen
wandern, um eine "stabile" Beziehung aufzubauen. Eine stabile
Beziehung ("Harmonie") ist dann gegeben, wenn das Informationssystem
die Bedürfnisse des Benutzers befriedigt.
Die Wahrscheinlichkeit eines Knotens zur Bedürfnisbefriedigung
wird abhängig gesehen von der Knotengröße, dem Informationsgehalt des Knotens,
der Informationsverarbeitungsanforderung des Knotens und der kognitiven Leistungsfähigkeit
des Benutzers. Die Knotengröße beschreibt die Menge an Information (z.B. Zeilen),
die ein Knoten enthält. Der Informationsgehalt stellt die Anzahl von unterschiedlichen
Bedeutungseinheiten (z.B. Begriffen) dar, die zur Abbildung der Information
im Knoten verwendet wird. Die Informationsverarbeitungsanforderung hängt ab
von der Lesbarkeit bzw. Verständlichkeit der im Knoten enthaltenen Information.
Die kognitive Leistungsfähigkeit des Benutzers betrifft u.a. das Vorwissen
bezogen auf Begriffe in den Knoten oder bezogen auf Verbindungen zwischen
den Knoten. Für die Wahl eines Knoten wird folgende Beziehung angenommen:
Je mehr Information ein Knoten enthält, je höher sein Informationsgehalt ist,
je geringer seine Informationsverarbeitungsanforderung und je geringer die
kognitive Leistungsfähigkeit des Lerners hinsichtlich des Knotens ist, desto
höher ist die Wahrscheinlichkeit, daß der betreffende Knoten gewählt wird.
"KONKRET-ABSTRAKTER" VERSUS "AKTIV-REFLEXIVER"
ZUGRIFF (LARSEN 1992)
Larsen (1992, S. 17f) führt seine theoretischen und empirischen Untersuchungen
im Zusammenhang mit Informationsnetzen auf der Basis "interaktiver
Video-Instruktion" durch. Bei dieser Art des computergestützten Lernens
erhält der Benutzer eines Computerprogrammes die Möglichkeit, Informationen
aufzurufen, die als Video präsentiert werden. Werden vom Computerprogramm
keine oder wenige lernunterstützende Maßnahmen gegeben und sind die einzelnen
Informationsteile miteinander vernetzt, können Struktur- bzw. Lernbedingungen
angenommen werden, die in Informationsnetzen gelten. In den Knoten des Informationsnetzes
sind demnach nicht nur Texte, sondern auch Videosequenzen als Informationsträger
enthalten. Verbindungen zwischen den Knoten werden durch Verknüpfungsanzeiger
in Menüleisten am Bildschirm angezeigt.
In Anlehnung an Kolb (1984) schlägt Larsen (1992, S. 17f) zuerst
zwei Informationszugriffsarten vor (vgl. Abbildung 10). Eine erste Zugriffsart
basiert auf der unterschiedlichen Wahrnehmung von Information, sie
wird auf den Dimensionen "konkret-abstrakt" abgebildet. Werden
Menschen mit neuen Informationen konfrontiert, "erfühlen" sie einerseits
ihren Weg ("konkrete Erfahrung"), andererseits versuchen
sie, ihn über abstrakte Denkprozesse zu erschließen ("abstrakte Begriffsbildung").
"Erfühlen" betrifft in diesem Zusammenhang eine Vorgehensweise,
die nicht aufgrund rationaler Entscheidungen zustande kommt, sondern das Ergebnis
teilweise stimmungsbezogener, teilweise automatisierter bzw. teilweise unbewußter
Prozesse darstellt. Die zweite Art wird an der Verarbeitung von Information
festgemacht und wird auf die Dimensionen "aktiv-reflexiv"
bezogen. Ein Gruppe von Personen springt im Informationsnetz herum und probiert
verschiedene Knoten aus ("aktives Experimentieren"), eine
andere Gruppe verarbeitet reflexiv neue Information ("reflexive Beobachtung").
Auf der Basis dieser unterschiedlichen Informationszugriffsarten
können vier unterschiedliche Typen von Informationsnetzbenutzern bestimmt
werden. Ein "Anpasser" wendet eine Zugriffsart an, die aus
einer Kombination aus der Nutzung konkreter Erfahrung und aus aktivem Experimentieren
besteht. Ein "Abweicher" ist an konkreten Informationen,
die er reflexiv verarbeitet, interessiert. Der "Annäherer"
experimentiert zwar aktiv mit Informationen, versucht aber auch eine abstrakte
Begriffsbildung zu erreichen. Der "Angleicher" hat sich das
gleiche Ziel wie der Annäherer gesetzt, reflektiert aber die Auswahl seiner
Information.
Abbildung 10: Konkrete-abstrakte vs. aktive-reflexive Zugriffsart
(...)
(nach Larsen, 1992, S. 18)
In einer empirischen Untersuchung im Rahmen obiger Ausführungen
wurden mit Fragebögen die vier unterschiedlichen Benutzertypen - basierend
auf den unterschiedlichen Zugriffsarten - bestimmt. Die Effizienz des Lernens
mit der interaktiven Video-Instruktion wurde an Differenzen zwischen Vor-
und Nachtests erhoben. Die Zufriedenheit mit der erfolgten Instruktion wurde
als generelle Einstellung gegenüber Lehrinhalt und -methode gemessen. Die
Ergebnisse zeigten keinerlei signifikante Unterschiede in Effizienz und Zufriedenheit
zwischen den unterschiedlichen Benutzertypen. Mangelnde Unterschiede in der
Effizenz der Lernbemühungen werden darauf zurückgeführt, daß interaktive Video-Instruktion
einen hohen Anpassungsgrad an individuelle Lernerbedürfnisse erreicht. Die
Benutzer wählen zwar Informationen unterschiedlich aus, was zu verschiedenen
Lernwegen und -prozessen führt, erreichen damit aber erfolgreich ein gesetztes
Lernziel. Plausibler scheint die Erklärung, daß der verwendete Leistungstest,
erstens zu wenige Aspekte einer kognitiven Leistung abgebildet hat (z.B. fehlten
Transferaufgaben zusätzlich zu Erinnerungsaufgaben) und zweitens zu geringe
Schwierigkeit aufgewiesen hat (- die mittlere Erfolgswahrscheinlichkeit beim
Nachtest betrug über neunzig Prozent). Der Mangel an Unterschieden in der
Zufriedenheitseinschätzung kann erstens auch der hohen Erfolgswahrscheinlichkeit
( - mit erfolgreichem Arbeiten ist man zufrieden - ) und zweitens einem Neuigkeitseffekt
zugeschrieben werden. Bei dieser Untersuchung wurden die Versuchspersonen
zum ersten Mal mit interaktiver Video-Instruktion konfrontiert. Die neue Instruktionsmethode
- Computer gekoppelt mit Videoausgabe - dürfte einen hohen Anreizwert auf
die Versuchspersonen ausgeübt haben, so daß einhellig hohe Zufriedenheit geäußert
wurde.
"VERKNÜPFUNGSWAHL" (MAURER + TOMEK 1992)
Maurer + Tomek (1992, S. 4f) gehen von der gestellten Aufgabe aus,
Benutzer von Informationsnetzen darin zu beraten, welche Verknüpfungen von
Knoten sie wählen sollen. Diese Beratung soll vom Informationsnetz bzw. vom
Computer selbst übernommen werden. Die Ausführungen der Autoren sind deshalb
darauf bezogen, wie Beratungsstrategien in Computersysteme auf formaler, mathematischer
Basis implementiert werden können. Bei der Umsetzung wird allerdings auch
Bezug darauf genommen, wie die auf die menschliche Informationsverarbeitung
aufbauende Auswahl von Knoten stattfindet, was eine Berücksichtigung des Ansatzes
der Autoren für die Fragestellung der vorliegenden Arbeit rechtfertigt. Grundsätzlich
werden zwei Prinzipien der Auswahl von Knoten bzw. des Informationszugriffes
angenommen: "Filtern" und "Reihen". Beim
"Filtern" besteht die Aufgabe eines Informationsnetzbenutzers
darin, diejenigen Verknüpfungen eines Knotens zu eliminieren, die keine Relevanz
für eine aktuelle Aufgabe haben. Dabei kommen persönliche Eigenschaften des
Benutzers und die vergangene Informationsnetznutzung zur Geltung. Persönliche
Eigenschaften bestehen in Interessen, Vorwissen, Bezugsnorm-Orientierung,
etc.; vergangene Nutzung betrifft die Geschichte bereits gewählter oder noch
nicht gewählter Knoten. "Reiht" der Informationsnetzbenutzer
Verknüpfungen, dann bringt er die vorgefundenen Verknüpfungen eines Knotens
entsprechend einem bestimmten Kriterium in eine Rangreihe. Ist es schwierig
ein Kriterium zu finden, wird nach dem Zufallsprinzip gereiht, ansonsten werden
Kriterien berücksichtigt wie: die eingeschätzte Häufigkeit der Verknüpfungswahl
durch andere Informationsnetzbenutzer oder die eingeschätzte Aktualität der
erwarteten Information.
Neben diesen Kriterien für die Reihung von Verknüpfungen wird von
den Autoren angenommen, daß ein Knoten dann hoch gereiht bzw. gewählt wird,
wenn er maximalen Wissenszuwachs möglich macht. Der Wissenszuwachs eines Knotens
wird abhängig gesehen von einem "intrinsischen Wert" des
Knotens und vom "Verknüpfungswert" mit anderen Knoten. Der
"intrinsische Wert" eines Knotens kann durch Berücksichtigung
der oben genannten Reihungskriterien bestimmt werden. Der "Verknüpfungswert"
betrifft "the relevance of a distantly related fact to the current
fact" (ebd., S. 8), was berücksichtigt, daß ein Knoten umso wertvoller
für den Wissenszuwachs ist, je mehr Verbindungen zu relevanten anderen Knoten
bestehen.
ANALOGIEBILDUNG ALS ZUGRIFFSBASIS (HERBER
1993)
Herber (1993) wählt für die Darstellung von Analogien einen zwei-
bis n-dimensionalen Raum, der sich aus "Elementen" und "Beziehungen"
zwischen den Elementen bildet. "Elemente" stellen Begriffe
dar, die sich anhand von Merkmalen beschreiben lassen. "Beziehungen"
betreffen Verbindungen zwischen Begriffen, aber auch Relationen zwischen Verbindungen.
Durch die Bildung von Analogien wird dieser Darstellungsraum erschlossen.
Dabei wird entlang von Beziehungen auf einzelne Elemente zugegriffen. Mit
dieser Darstellungsweise können Parallelen zu Informationsnetzen hergestellt
werden. Auch sie stellen mehr-dimensionale Räume dar, die aus Elementen -
den Knoten - und Beziehungen - den Verknüpfungen - entstehen. Die Auswahl
von Knoten wird durch die Bildung von Analogien ausgelöst.
Der Autor beschreibt detailliert einen mehrstufigen Prozeß der
Bildung von Analogien der ersten und zweiten Ordnung. Die erste Stufe
besteht in der Klassifikation von Elementen. Diese Aufgabe hat in Informationsnetzen
ihre Entsprechung darin, daß relevante Merkmale von Knoten (z.B. A und B)
identifiziert werden, was durch Auswahl bzw. Vergleich mit anderen Knoten
realisiert wird. Auf der nächsten Stufe werden Beziehungen zwischen Elementen
entdeckt und in einer Wenn-Dann-Regel formuliert. In Informationsnetzen werden
zwischen Knoten Verknüpfungen gesucht, die korrelative, kausale etc. Beziehungen
anzeigen. In einer dritten Phase wird ausgehend von einer Beziehung zwischen
Elementen (Quelle: A und B) ein analoger Schluß auf die Beziehung anderer
Elemente (Ziel: C und D) gezogen. Dabei wird in einem Informationsnetz versucht,
Knoten (Zielknoten) zu finden, zwischen denen eine ähnliche Beziehung gilt
wie zwischen anderen Knoten (Quellknoten). Auf einer vierten Stufe wird die
Qualität der gefundenen Analogie überprüft. Je größer festgestellte (semantische)
Ähnlichkeiten der Beziehungen der Quell- mit denen der Zielknoten sind, desto
stärker ist die Analogiebildung und desto weniger wird nach neuen Knoten gesucht.
Mit diesen vier Stufen ist der Prozeß der Bildung von Analogien 1. Ordnung,
d.h. das Finden von Beziehungen zwischen mindestens zwei Beziehungen abgeschlossen.
Analogien 2. Ordnung betreffen Analogien zwischen zwei Analogien 1. Ordnung.
Ausgangspunkt für die Bildung von Analogien 2. Ordnung sind eine Menge von
Analogien 1. Ordnung. Zwischen diesen Analogien 1.Ordnung können solche 2.Ordnung
etabliert werden. Dabei spielt vor allem die Überprüfung der Qualität (der
semantischen Ähnlichkeit) aller Teilanalogien (Quell- und Zielanalogie) die
wichtigste Rolle. Wird eine Quellanalogie mit A1:B1 :: C1:D1 und eine Zielanalogie
mit A2:B2 :: C2:D2 dargestellt, dann müssen besonders A1:B1 mit A2:B2, A1:C1
mit A2:C2, C1:D1 mit C2:D2 und A1:B1 mit C2:D2 hinsichtlich ihrer analogen
Beziehung überprüft werden. In einem Informationsnetz müssen die entsprechenden
Knoten bzw. vor allem deren Verknüpfungen, die analoge Beziehungen darstellen,
überprüft werden.
BEWERTUNG GEMISCHTER ANSÄTZE ZUM INFORMATIONSZUGRIFF
Berücksichtigung von nicht-linearen Lernbedingungen: Lernunterstützende Maßnahmen nach Frisse (1988) - wie die Aufzeichnung
von relevanten Pfaden durch das Informationsnetz - erleichtern einerseits
die Orientierung, andererseits haben sie die Entlastung des Arbeitsgedächtnisses
zur Folge. Frisse + Cousins (1989) sehen nicht die Wichtigkeit von Knoten
als zentrales Auswahlkriterium an, sondern die Veränderung dieser Wichtigkeit
im zeitlichen Kontinuum. Damit wird der Lernbedingung der vernetzten Ideenentwicklung
Rechnung getragen: Die Information von Knoten weist demnach in zeitlich sich
schnell verändernden Kontexten unterschiedliche Bedeutung auf. Wesentlich
im Vergleich mit den anderen behandelten Ansätzen ist bei Dufresne, Jolin
+ Sentini (1990) das Ziel des Informationszugriffes, Informationen möglichst
verständlich abzubilden. Die Beachtung des Verständlichkeitskriteriums beim
Informationszugriff dürfte in vielerlei Hinsicht den Wissenserwerb fördern.
Verständliche Information dürfte darüber hinaus auch kognitive Ressourcen
sparen. McAleese (1990) sieht u.a. die Leistungsfähigkeit des Informationsnetzbenutzers
als wesentlichen Einflußfaktor des Informationszugriffes an. Larsen (1992)
identifiziert unterschiedliche Typen von Informationsnetzbenutzer gemäß der
Wahrnehmung und Verarbeitung von Knoteninformationen. Beide letztgenannten
Ansätze führen damit insbesondere lernrelevante Persönlichkeitseigenschaften
an, die auf dem Hintergrund der Adaptivität von Informationsnetzen gesehen
werden können: Gemäß dieser Ansätze können Informationsnetze Personen mit
unterschiedlichen Eigenschaften jeweils individuumszentrierte bzw. adaptive
Lernangebote anbieten. Maurer + Tomek (1992) unterscheiden Filtern und Reihen
als Arten der Informationsauswahl. Nach Herber (1993) spielen analoge Beziehungen
zwischen Knoten bzw. Verknüpfungen eine wichtige Funktion beim Informationszugriff.
Beide Ansätze beziehen sich im besonderen auf einen relativistischen Denkstil:
In beiden Fällen müssen Informationen hinsichtlich ihrer Merkmale verglichen
bzw. einander gegenübergestellt werden.
Berücksichtigung von browsing-spezifischem
Lernpotential: Optimale Startpunkte und informationsnetzspezifische Lernhilfen
nach Frisse (1988) fördern nach Ansicht des Autors allgemein Wissenserwerbsprozesse
wie sie im Drei-Lernprozeß-Modell dargestellt sind. Auch die Definition von
Begriffen nach Dufresne, Jolin + Senteni (1990) betrifft diese Wissenserwerbsprozesse,
insbesondere Restrukturierung und Feinabstimmung. Larsen (1992) beschreibt
in seinem Ansatz einerseits Aspekte explorativen Verhaltens (Orientierung
an konkreter Erfahrung und aktives Experimentieren), andererseits Aspekte
des Wissenserwerbs (abstrakte Begriffsbildung und reflexive Beobachtung).
Das Modell der Verknüpfungswahl von Maurer + Tomek (1992) betrifft im allgemeinen
Wissenserwerbsprozesse, da es als zentrales Zugriffskriterium den maximalen
Wissenszuwachs postuliert. Auch der Analogie-Ansatz von Herber (1993) kann
global auf dem Hintergrund von Wissenserwerbsprozessen eingeordnet werden:
Durch die Herstellung analoger Beziehungen zwischen Knoten findet eine Restrukturierung
oder auch Feinabstimmung zwischen den Informationen von Knoten statt. Der
Aspekt der zeitlichen Veränderbarkeit von Zugriffskriterien, den Frisse +
Cousins (1989) vorschlagen, betrifft die Perepetuum-mobile-Annahme: Durch
den Aufruf von Informationen werden einerseits bestimmte Knoten unwichtig,
andererseits wird die Wichtigkeit anderer Knoten erhöht. Das führt dazu, daß
diese anderen Knoten ausgewählt werden. Auch ihre Wahl führt zu einer veränderten
Wichtigkeit anderer Knoten, was wieder die Wahl anderer Knoten anregt usw.
In Hinblick auf das Knotenwahl-Modell von McAleese (1990) lassen sich z.B.
bezüglich der Größe und des Informationsgehaltes eines Knotens Verbindungen
zum inzidentellen Lernen herstellen: Je mehr und je mehr unterschiedliche
Information ein Knoten enthält, desto häufiger dürfte unbeabsichtigtes Lernen
stattfinden.
Forschungsdefizite: Nach Frisse (1988) hängen optimale Startpunkte
beim Informationszugriff in Informationsnetzen von Knotengewichten ab. Knotengewichte
können von Computerprogrammen, die in Informationsnetzen implementiert sind,
errechnet werden. Es stellt sich die Frage, ob auch Informationsnetzbenutzer
tatsächlich Knotengewichte zur Festlegung des Beginnes der Informationswahl
heranziehen. Ungeklärt dabei ist, wie genau und umfangreich diese "Berechnung"
durchgeführt wird: Einerseits lassen sich exakte, aber ressourcenintensive
Knotenstatistiken anfertigen, andererseits dürften auch globale, ressourcensparende
Einschätzungen einen akzeptablen Näherungswert bilden. Die Lerneffektivität
der von Frisse (1988) postulierten optimalen Startpunkte und auch der Lernhilfen
wird nur allgemein angenommen: Es wird nicht ausgeführt, welche spezifischen
Wissenserwerbsprozesse beeinflußt werden. Bei Frisse + Cousins (1989) ist
unklar, was die Autoren genau unter "brauchbar" als Zugriffskriterium
verstehen, ähnliches gilt für "Aufgabenrelevanz" im Ansatz
von Maurer + Tomek (1992). In Hinblick auf den Ansatz von Dufresne, Jolin
+ Sentini (1990) muß über eine globale Ähnlichkeit hinaus exakter geklärt
werden, inwieweit graphische Benutzeroberflächen in Vergleich zu Informationsnetzen
idente Eigenschaften ausweisen. Besondere Probleme bereitet ein Umstand, der
auch für alle anderen gemischten Ansätze gilt: Es geht aus den Annahmen der
Ansätze nicht hervor, welche Komponente wann und warum im Informationszugriffsprozeß
aktiviert wird. Im Zusammenhang mit dem Ansatz von Dufresne, Jolin + Sentini
(1990) ist z.B. nicht ersichtlich, wann ein Informationsnetzbenutzer eher
Begriffe definiert und wann er versucht, Ziele festzulegen. McAleese (1990)
gibt lernrelevante Variablen an - zum Beispiel die Knotengröße -, die relativ
leicht meßbar sind und u.a. deshalb als situative Einflußgrößen bei der Untersuchung
von Lernprozessen in Informationsnetzen berücksichtigt werden können. Ob die
im Ansatz von McAleese (1990) formulierten Zusammenhänge zwischen postulierten
unabhängigen Größen und der Wahlwahrscheinlichkeit eines Knoten tatsächlich
gelten, muß erst eingehend untersucht werden. In der Arbeit von Larsen (1992)
können eine Reihe methodischer Fehler identifiziert werden. Bezweifelt werden
kann auch, ob sich die vier angenommenen Typen von Informationsnetzbenutzern
trennscharf von einander abgrenzen lassen. Denkbar ist, daß z.B. der Informationszugriff
über konkrete Erfahrung und über aktives Experimentieren nur schwer von einander
unterscheidbar sind. Ähnliches gilt für reflexive Beobachtung und abstrakte
Begriffsbildung. Bezüglich des Analogie-Ansatzes von Herber (1993) muß erst
geklärt werden, welche Merkmale von Knoten relevant für die Bildung von Analogien
sind; wie häufig Analogien überhaupt in Informationsnetzen auftreten; weiters,
welche Lernbedingungen die Analogiebildung fördern und bei welchen Lernaufgaben
Analogien lerndienlich sind.
Zusammenfassend bewertet stellen die in diesem Abschnitt
behandelten Ansätze den Versuch dar, unterschiedliche Aspekte des Informationszugriffes
aufeinander zu beziehen bzw. zu integrieren. Dabei muß festgestellt werden,
daß meist nur sehr wenige unterschiedliche Komponenten anderer Ansätze beachtet
werden. Darüber hinaus ist unklar, auf welcher theoretischen Grundlage, unterschiedliche
Aspekte des Informationszugriffes kombiniert werden. Als Folge dieses Umstandes
ist weitgehend ungeklärt, welche Teilkomponenten wann im Informationszugriffsprozeß
aktiv sind oder wie es zu einem Wechsel unterschiedlicher Zugriffskriterien
kommt.
3.6. Informationszugriff als strategisches
Vorgehen
In diesem Abschnitt wird der Informationszugriff in Informationsnetzen
als ein Vorgehen angesehen, dem ein vom Informationsnetzbenutzer konzipierter
Plan zugrundeliegt. Pläne als Ausgangspunkt für die Wahl von Knoten betreffen
"Metaphern", "Suchstrategien","Sequenzierungsstrategien",
Formen "linearen" Zugriffes, an "mentalen Modellen"
orientierte Strategien, "strukturierte Entscheidungen", Informationsnetz-"Benutzungsstrategien",
"Erfolgsorientierung", globale "Breitband-Strategien"
oder "Glossar-" und "Übersichts-Springen".
"METAPHER-NUTZUNG" (HAMMOND + ALLINSON 1987)
Hammond + Allinson (1987, S. 77) sind der Ansicht, daß Metaphern
- d.s. bildliche Übertragungen, wie z.B. das Löschen einer Information durch
"Werfen in einen Papierkorb" - hilfreich beim Lernen in Informationsnetzen
sind. Metaphern weisen zwei relevante Eigenschaften auf: ihren "Umfang"
und ihren "Inhalt". Der "Umfang" bezieht
sich auf die Anzahl von auf das Informationsnetz bezogenen Konzepten, die
die Metapher anspricht. Werden Informationsnetze als Metaphern z.B. in Form
von "Karteikästen" oder "elektronischen Büchern" gesehen,
dann lassen sich viele Entsprechungen zwischen Eigenschaften der Metapher
und Eigenschaften des Informationsnetzes finden - z.B. können Knoten (im Informationsnetz)
mit Karteikarten (im Karteikasten) oder Seiten (im elektronischen Buch) gleichgesetzt
werden - : Der Umfang der Metapher ist dann groß. Metaphern variieren auch
im "Inhalt" des Wissens, das sie abdecken. Dabei werden "Aktivitäts"-,
"Interaktions"- und "Bereichs"-Metaphern
unterschieden. "Aktivitätsmetaphern" enthalten globale Ziele,
die mit der Informationsnetznutzung erreicht werden (z.B. die Aufarbeitung
eines Subthemas als "Erkundung eines Stadtteils") . "Interaktionsmetaphern"
betreffen die Art der Kommunikation mit dem Informationsnetz (z.B. das Anklicken
eines Knotens als "Besuch in einem Haus"). "Bereichsmetaphern"
fördern die Lösung der im Informationsnetz gestellten Aufgaben (z.B. der Aufruf
stark verknüpfter Knoten als "Kreuzungen" bzw. "Wegweiser"
zur Orientierung).
Die Nutzung von Metaphern beim Browsing durch Informationsnetze
unterscheidet zwei Phasen: Analyse und Anwendung. "The
first stage is a preliminary analysis of the metaphor when it is initially
encountered. The user attempts to understand what kinds of information it
conveys about the system: its scope, its levels of description and its topic"
(ebd., S. 79). Während dieser Phase wird das Wissen, das
in Metaphern vorhanden ist, mit Informationen im Informationsnetz verglichen.
Können dabei Merkmalsübereinstimmungen festgestellt werden, dann werden Verbindungen
zwischen den Metaphern und den Aspekten des Informationsnetzes hergestellt.
In der zweiten Phase werden Metaphern zur Lösung eines Problems im Informationsnetz
herangezogen. Stellt der Informationsnetzbenutzer ein Problem im Informationsnetz
fest, bei dem es Verbindungen zu Metaphern gibt, dann wird die Metapher genutzt,
um das Problem zu lösen. Hat der Benutzer z.B. das Problem, daß er zu viele
Knoten aufrufen muß, um von einem Ausgangs- zu einem Zielknoten zu kommen,
dann wird er - wenn er das Informationsnetz als "Straßennetz" ansieht
- nach "Abkürzungen" suchen. "Abkürzungen" stellen im
Informationsnetz Knoten dar, die die Anzahl von Knotenaufrufen zwischen zwei
Knotenwahlen minimieren. Sind solche Knoten gefunden, wird sowohl die Orientierung
erleichtert als auch weniger Zeit für die Wanderung durch das Informationsnetz
verbraucht. Eine erste von den Autoren durchgeführte empirische Überprüfung
im Rahmen obiger Ausführungen bestätigt die Lernwirksamkeit von Metaphern
in Informationsnetzen, allerdings für die in unserer Arbeit nicht betrachteten
Informationszugriffsarten des Navigierens und des Suchens.
INFORMATIONSZUGRIFF ALS SUCHPROZESS (GUTHRIE
1988)
Guthrie (1988, S. 182) stellt ein Modell dar, das den Informationszugriff
als geplanten Prozeß wiedergibt. Der Prozeß besteht aus fünf Komponenten:
Zielbildung, Knotenwahl, Informationsextraktion, Integration und Recycling
(vgl. Abbildung 11). Zu Beginn des Prozesses ist der Informationsnetzbenutzer
mit einer gestellten Aufgabe konfrontiert. Durch Zerlegung der Aufgabe in
ihre Merkmale kann beurteilt werden, ob alle Anforderungen für eine Aufgabenlösung
erfüllt sind oder nicht. Kommt man zum Schluß, daß ein oder mehrere Teile
der Aufgabe nicht oder nicht zufriedenstellend gelöst sind, wird ein Teil
zur weiteren Behandlung ausgewählt: Das Ziel für den Informationszugriff ist
gefunden. Ist eine Zielvorgabe gebildet, wird das Informationsnetz auf Knoten
abgesucht, die eine Lösung der Aufgabe bzw. des Teiles der Aufgabe wahrscheinlich
macht. Ist ein Knoten mit diesen Eigenschaften gefunden, wird er für eine
Weiterbehandlung bestimmt und aufgerufen. Der ausgewählte Knoten wird nun
genauer auf seine Zieladäquatheit untersucht. Ist im Knoten Hilfe zur Lösung
des Problems enthalten, wird diese herausgelöst und im Gedächtnis oder mit
Hilfe von externen Hilfsmitteln (z.B. Notizblocks) gespeichert. Mit der extrahierten
Information wird in der Phase der "Integration" versucht,
die gestellte Aufgabe schrittweise zu lösen. Ist nach dieser Phase das gesetzte
Ziel erreicht, wird der Prozeß des Informationszugriffes abgebrochen. Bei
Mißerfolg werden die ersten vier Prozeßphasen erneut in Angriff genommen,
bis der Erfolg eintritt. Diese Wiederholung der Komponenten des Informationszugriffes
wird "Recycling" genannt.
Abbildung 11: Prozeß des Informationszugriffes
(nach Guthrie, 1988, S. 183)
Das Modell der Autoren wurde aus Mängeln der herkömmlichen Textverarbeitungsforschung
(vgl. z.B. Mandl, 1981) geboren, wo zwar Verstehens-, aber zu wenig Suchprozesse
berücksichtigt wurden. Gültigkeit soll es für alle jene Situationen
haben, wo aus einer großen Menge von Informationen bestimmte Teile ausgewählt
werden müssen. Die Autoren berichten von experimentellen Untersuchungen, wo
Informationen in computergestützten Flugplänen zu suchen waren. Dabei zeigten
vor allem die zieladäquate Knotenwahl, Extraktion und Integration von Information
starke Effekte auf die Schnelligkeit und Genauigkeit der Lösung der gestellten
Aufgaben (Erstellung einer Flugroute unter Beachtung von Kosten, Flugzeit,
etc.).
"SEQUENZIERUNGSSTRATEGIEN"
(CHARNEY 1989)
Charney
(1989, S. 111) geht von der Forschungsfrage aus: "What strategies
do readers adopt for sequencing of hypertext (i.e., constructing
a path through the network)?". Sie nimmt an, daß eines der größten Probleme im Umgang mit Informationsnetzen
die Fertigkeit darstellt, Knoten in einer solchen Reihenfolge aufzurufen,
die bedeutungsvolle Beziehungen zwischen den Knoteninhalten widerspiegeln
bzw. entstehen lassen. Für lineare Lernumgebungen gibt es zahlreiche Richtlinien,
wie Text sequenziert werden muß, damit er lernwirksam ist. So finden z.B.
die in der Textverarbeitungsforschung der 70-er Jahre intensiv untersuchte
Orientierung an Lehrzielhierarchien oder an Begriffshierarchien häufige Verwendung
(Ballstaedt, Mandl, Schnotz + Tergan, 1981, S. 156f). Sequenzierungsmaßnahmen
erweisen sich allerdings nur dann als sinnvoll, wenn angenommen werden kann,
daß eine bestimmte (lineare) Lernrichtung - z.B. von oben nach unten - eingehalten
wird. In Informationsnetzen sind solche Sequenzierungsmaßnahmen sinnlos, da
durch die Vernetzung von Knoten aus verschiedenen Richtungen zu einem bestimmten
Abschnitt (Knoten) gelangt werden kann.
Um das Problem der Reihenfolge des Aufrufes von Knoten in den Griff
zu bekommen, schlägt Charney (1989, S. 116) vier Strategien vor. Sie
regeln den Zugriff auf Knoten in Informationsnetzen. Im Rahmen "vorgeplanter
Sequenzierung" verschafft sich der Netzbenutzer eine Übersicht und
legt dann die Reihenfolge der aufzurufenden Knoten fest und ruft schließlich
die so festgelegten Knoten auf. Bei "opportunistischer Sequenzierung"
werden vorselektierte Knoten in beliebiger Reihenfolge ausgewählt. Bei "zufälliger
Sequenzierung" findet die Knotenauswahl vollkommen zufällig statt.
Bei einer "geführten Sequenzierung" werden Knoten in einer
"logischen" Reihenfolge, die auf der Beziehung zwischen Themen
basieren, aufgerufen. Von der jeweils eingesetzten Sequenzierungsart werden
unterschiedliche Lerneffekte bezogen auf die Anzahl von gelösten Aufgaben,
die Dauer der Problemlösung und die dabei gemachten Fehler erwartet. Als besonders
lerneffektiv wird die geführte, vor vorgeplanter und opportunistischer angesehen,
zufällige Sequenzierung läßt die schlechtesten Lerneffekte erwarten. Empirische
Ergebnisse zu den aufgestellten Annahmen werden nicht berichtet.
"LINEARER" ZUGRIFF (JOSEPH, STEINBERG + JONES 1989)
Joseph, Steinberg + Jones (1989) untersuchen den Informationszugriff
in Informationsnetzen auf dem Hintergrund der Benutzerfreundlichkeit
von Armee-Handbüchern. Das betreffende Informationsnetz hat den Bau von Brücken
als Thema, wurde im Computersystem PLATO an der University of Illinois implementiert
und enthält verbale Beschreibungen, Abbildungen, Tabellen etc. Neben einer
themenorientierten, browsing-spezifischen Informationszugriffsart sind auch
die Suche nach Schlüsselwörtern und Navigationshilfen in Form von Indizes
vorhanden. Die den Informationsnetzbenutzern gestellten Aufgaben bestehen
einerseits darin, über ein bestimmtes Thema (z.B. Brückentypen) Informationen
zu finden, andererseits komplexe Planungsaufgaben durchzuführen (z.B. den
Bauplan für einen Brückenbau zu entwickeln). Die berichteten Ergebnisse basieren
auf Diskussionen und Interviews, die während mehrtägiger Arbeiten mit dem
Informationsnetz von zwölf Technikern gemacht wurden. Ziel der Untersuchungen
war es, technische Manuals (in Informationsnetzform) so zu gestalten, daß
Information schnell und richtig gefunden werden kann.
Die vorgegebenen Zugriffsmöglichkeiten förderten eine Reihe von Informationszugriffsarten,
die originär linearen Lernumgebungen zugerechnet werden können. Die
Teilnehmer orientierten sich an Überschriften von Knoten, suchten sich allgemeine
Beschreibungen eines Themas, um von dort aus am oberen Bildschirmrand beginnend
und nach unten fortfahrend spezifische Information enthaltene Knoten aufzurufen.
"User´s expectations are based on their experience with printed materials.
They expect to find familiar features like table of contents. Even though
they make little use of it eventually, the presence of such features helps
the user get started with the electronic system" (ebd., S. 87). Die Ergebnisse zeigen, daß zumindest am Beginn des Lernens
mit Informationsnetzen oder wenn keine anderen Strategien verfügbar sind,
auf lineare Zugriffsstrategien zurückgegriffen wird.
"MENTALE MODELLE" UND "INFORMATIONSZUGRIFFSSTRATE-GIEN"
(MARCHIONINI 1989a)
Marchionini (1989a) sieht den Informationszugriff in Informationsnetzen
als einen "Problemlösevorgang" auf der Basis von "mentalen
Modellen" an. "Problemlösen" "includes recognizing and
interpreting the information problem, establishing a plan of search, conducting
the search, evaluating the results, and if necessary, iterating through the
process again" (ebd., S. 54). "Mentale Modelle" werden als kognitive Abbildungen
einer Problemsituation und als aktive Systeme angesehen, die aus Input aus
der Umwelt Vorhersagen leisten können, so daß "mental models allow
us to both understand problem situations and predict consequences of actions
contemplated for solving the problems" (ebd., S. 56).
Zur Lösung jedes Informationsproblems werden mit Hilfe von mentalen
Modellen "Informationszugriffsstrategien" durchgeführt. Eine
einzelne "Informationszugriffsstrategie" wird als planmäßige
Handlung verstanden, die sich als Auswahl eines bestimmten Knotens eines Informationsnetzes
zeigt. Mentale Modelle, die Informationszugriffsstrategien steuern, können
funktional und struktural beschrieben werden. Funktional kontrollieren mentale
Modelle den Informationszugriff durch folgende Teilprozesse: Herausarbeitung
der Schlüsselbegriffe des Informationsproblems; Identifizierung der Erfolgskriterien
für die Informationssuche; Auswahl von relevanten Informationsquellen; Kontrolle
der Zielerreichung und Heranziehung der Ergebnisse, um den Informationszugriff
zu verändern. Damit diese Aufgaben erfolgreich gelöst werden können, müssen
mentale Modelle aus folgenden Bestandteilen aufgebaut sein: aus Wissen über
das Informationsnetz; aus Wissen über den Gegenstandsbereich; aus Wissen über
die Benutzung des Informationsnetzes in der Vergangenheit und aus einer Reihe
von Regeln, die dieses Wissen miteinander kombinieren und den Arbeitsfortschritt
überwachen.
INFORMATIONSZUGRIFF ALS "STRUKTURIERTE ENTSCHEIDUNG" (OSBORNE
1990)
Osborne (1990, 27f) vergleicht Browsing durch Informationsnetze mit
dem Verhalten bei Entscheidungen, wobei besonders der Strukturierung
des Datenmaterials eine wichtige Funktion zukommt. Mit Browsing soll vor allem
der Aufbau (Anzahl der Knoten, Verknüpfungsintensität, etc.) eines Informationsnetzes
eruiert werden. Ist die Struktur bekannt, kann leichter entschieden werden,
welche Knoten ausgewählt werden. Informationszugriff stellt auf diesem Hintergrund
einen mehrphasigen Prozeß dar, wobei sich der Autor im besonderen auf das
heuristische Suchmodell von Palay + Fox (1981) und der Prozeßanalyse von Larson
(1986) bezieht.
Demgemäß versucht ein Informationsnetzbenutzer in einer ersten Phase
das Material, das es zu bearbeiten gilt, zu strukturieren. Ergebnis des Strukturierungsprozesses
ist die Kenntnis des Aufbaues des Informationsnetzes und die Gliederung des
zu lernenden Materials in Teilbereiche. Aufgabe der zweiten Phase ist die
Filterung der Teilbereiche. Dabei sollen die Teilbereiche erstens in bearbeitbare
Einheiten zerkleinert und für die Aufgabenstellung relevante Knoten ausgewählt
werden. Während der nächsten Phase der Planung werden Bereiche außerhalb des
eingegrenzten Teilbereiches erkundet. Dabei werden Knoten gewählt, die zusätzliche
Information in Hinblick auf die Aufgabenstellung liefern. In der letzten Phase
des Zoomings werden aufgrund der Erfahrungen in der Planungsphase die ursprüngliche
Aufgabenstellung spezifischer gestellt und die einzelnen Phasen erneut durchlaufen
bis die Aufgabenstellung erfüllt ist.
"BENUTZUNGSSTRATEGIEN" (KINZIE + BERDEL 1990)
Kinzie + Berdel (1990, S. 62f) gehen davon aus, daß in Informationsnetzen
dann am besten gelernt wird, wenn der Lerner möglichst große Kontrolle über
den Lernprozeß erhält, wenn er strategisch vorgeht und wenn er überdauernd
motiviert ist. Kontrolle ermöglicht es, eine stärkere Adaption an Lernbedürfnisse
zu erreichen als eine am Durchschnitt orientierte, Gruppen ansprechende Instruktion.
Der Einsatz von Strategien wird als hilfreich für systematisches und ressourcensparendes
Lernen erachtet, was bei Orientierungs- und Arbeitsgedächtnisproblemen besonders
notwendig ist. Überdauernde Motivation stellt den Garant dafür dar, daß der
Lerner während des gesamten Lernprozesses aktiv bleibt und selbstinitiiert
Kontrolle und Strategien durchführt.
Die angeführten globalen Lernvoraussetzungen werden dann erreicht,
wenn der Lerner sechs unterschiedliche "individual strategies for
use" (Benutzungsstrategien) einsetzt. Eine erste Strategie besteht
darin, Wörter nachzuschlagen, über deren Bedeutung man sich nicht im klaren
ist. Verstehen wird verbessert, wenn Knoten aufgerufen werden, die alternative
Darstellungen des Knoteninhaltes enthalten. Wichtige Fakten und Begriffe sollen
notiert werden. Die Beziehungen zwischen wichtigen Ideen oder Begriffen sollen
graphisch aufbereitet werden. Die beiden zuletzt angeführten Strategien können
durch Hilfsmittel (z.B. mit Hilfe eines Notizblockes) realisiert werden, die
auch außerhalb des Informationsnetzes existieren. Als lernfördernd gilt auch,
Knoten aufzurufen, die mit Knoten verbunden sind, die wichtige Informationen
enthalten. Schließlich soll regelmäßig versucht werden, die Position im Informationsnetz
zu bestimmen.
"SUCH- UND INHALTSBEZOGENE ERFOLGSORIENTIERUNG" (MARCHIONINI,
LIN + DWIGGINS 1990)
Hintergrund der empirischen Untersuchung von Marchionini, Lin + Dwiggins
(1990) bildete die Frage, ob sich Informationsnetz-Experten (Computerwissenschaftler,
Bibliothekare) wesentlich in ihrem Informationszugriffsverhalten von Novizen
(library school-Anfänger) unterscheiden. Als Informationsnetz wurde ein Hypertext
über das Thema Hypertext eingesetzt. Alle drei (oben angeführten) Informationszugriffsarten:
Suchen, Navigieren und Browsing wurden realisiert. Als Aufgabe hatten die
Versuchspersonen zwei Faktenfragen und zwei Fragen mit offenen Antworten zu
lösen. Als Methode, unterschiedliche Aspekte des Informationszugriffes zu
erfassen, wurde "stimulated recall" eingesetzt: Nachdem die Versuchspersonen
jeweils eine Aufgabe gelöst hatten, wurden sie unterbrochen und ihnen ihr
aufgezeichneter Lernweg (als die Sequenz aufgerufener Knoten) gezeigt. Während
dieser Wiederholung wurde die Versuchsperson gefragt, was sie beim jeweiligen
Aufruf gedacht hat und welche Entscheidungen sie warum getroffen hat. Die
Aussagen wurden auf Tonband aufgezeichnet und inhaltsanalytisch ausgewertet.
Zusätzlich wurde die Verteilung bzw. die Wechselrate der Informationszugriffsarten
aufgezeichnet, welche Knoten aufgerufen wurden, wie lange sie aktiv waren
und wie lange zur Lösung der Aufgaben gebraucht wurde.
Die Analyse der verbalen Daten ergab, daß Versuchspersonen dann ihre
Informationszugriffsart wechseln, wenn sie keinen Erfolg haben. Mangelnder Erfolg
wird erlebt, wenn folgende Bedingungen für die aufgerufenen Knoten gelten:
mangelnder Zielbezug ("I thought the text I got seemed unrelated to the
question"), zu großer Aufwand ("It looked like a long way to go
if I did not change"); unwahrscheinliche Zielerreichung ("I found
that the search had fallen into a loop"), unzureichende Informationsqualität
("Indexing is inconsistent and not specific enough"); fehlende Orientierungsmöglichkeit
("I don´t understand why I was here"); geringer Neuigkeitsgrad ("Just
want to try another one and see what I will get") und Unvollständigkeit
("I want to make sure I am not missing something") (ebd., S. 132).
Anhand der Aussagen wurden zwei Personengruppen mit unterschiedlichen
Zugriffsstrategien identifiziert: such- und inhaltsbezogene Personen. Such-bezogene
Versuchspersonen stellen bei der Auswahl eines Knotens seine Zielrelevanz
für die Aufgabenstellung in den Vordergrund. Außerdem suchen sie nach Synonymen,
Kurzbeschreibungen und Begriffsvariationen. Finden sie die Lösung einer Aufgabe,
versuchen sie die Richtigkeit der Antwort zu verifizieren. Inhalts-bezogene
Versuchspersonen sind weniger an der Zielrelevanz einer Antwort als viel mehr
an der Richtigkeit orientiert. Im Vordergrund ihrer Orientierung steht der
semantische Gehalt von Knoten.
"WICHTIGKEIT, KONKRETHEIT UND REIHENFOLGE" (STANTON + STAMMERS
1990)
Stanton + Stammers (1990, S. 115) sprechen von drei typischen, globalen
Informationszugriffsarten ("Breitband-Strategien"), die im
Umgang mit Informationsnetzen eingesetzt werden. Geht jemand in der "top-down"-Art
vor, werden die am wichtigsten eingeschätzten Informationen zuerst aufgerufen.
Im "bottom-up"-Zugriff werden zuerst einfache, konkrete
Knoten aufgerufen, bevor zu übergeordneten, abstrakteren übergegangen wird.
In der "sequential"-Vorgangsweise werden die einzelnen
Informationsteile nach einer bestimmten Reihenfolge (z.B. gegen den Uhrzeigersinn)
aufgerufen.
Als Ergebnisse einer experimentellen Untersuchung zeigte sich,
daß in der top-down-Zugriffsart weniger Knoten aufgerufen wurden, was zu einer
geringeren Bearbeitungszeit, aber keinen signifikanten Unterschieden in einer
Lerntransfer-Aufgabe führte. Die Verwendung einer der drei Zugriffsarten wurde
auch abhängig von der dispositionellen "Feldab- bzw. Feldunabhängigkeit"
gesehen. Demnach greifen "feldabhängige" Versuchspersonen
eher nach der bottom-up-Strategie auf Informationen zu, während "feldunabhängige"
die anderen beiden Zugriffsarten bevorzugen. "Feldabhängige"
Personen werden als solche beschrieben, die mentale Modelle bzw. kognitive
Repräsentationen von Wissensbereichen durch Erfahrung aufbauen, während "feldunabhängige"
Personen eine schon vor der Interaktion mit dem Informationsnetz bestehende
strukturelle Repräsentation auffüllen.
"GLOSSAR- UND ÜBERSICHTS-SPRINGEN" (WRIGHT 1993)
Wright (1993) sieht zwei zentrale Arten des Informationszugriffes
in Informationsnetzen, nämlich den Aufruf von Glossaren und der Orientierung
an Übersichten. Zu Glossaren wird gesprungen, um zusätzliche Informationen
über im Knoten enthaltene Wörter zu erhalten. Die Ursache für den Aufruf zusätzlicher
Erklärungen bilden "internal criteria, such as readers´ awareness
of their current level of comprehension" (ebd., S. 140). Die Autorin
berichtet von Studien, die belegen, daß von den Benutzern durchschnittlich
um neunzig Prozent aller unbekannten Wörter in Informationsnetzen aufgerufen
werden. Neben dem Verstehensgrad spielen auch "kognitive Kosten"
eine Rolle. Demnach werden zusätzliche erklärende Knoten vorwiegend dann aufgerufen,
wenn ihr Informationsgewinn größer ist als der Aufwand der mit Auswählen,
Lesen, Neuorientieren, etc. verbunden ist.
Im Zuge der Orientierung an Übersichten springen Benutzer
von Informationsnetzen vor allem zu Beginn und am Ende eines Lernprozesses
zu Knoten, die eine Zusammenschau des Lehrstoffes bieten. Zu Beginn des Lernprozesses
werden Übersichten deshalb aufgesucht, weil sie Rahmenmodelle darstellen,
in die die Information unterschiedlicher Knoten eingeordnet werden kann. Nach
dem Lernprozeß werden sie einerseits als Zusammenfassungen gesehen, andererseits
können sie dem Lerner eine Gelegenheit bieten, "to test their understanding
of the relations expressed in the text" (ebd., S. 143).
BEWERTUNG STRATEGIE-BEZOGENER ANSÄTZE ZUM
INFORMATIONSZUGRIFF
Berücksichtigung von nicht-linearen Lernbedingungen
und von browsing-spezifischem Lernpotential: Allen in diesem Abschnitt besprochenen
Ansätzen ist gemeinsam, daß sie "Strategien" des Informationszugriffes
darstellen. "Strategien" lassen sich in diesem Kontext als
"zielgerichtete Aktivitäten des Individuums beschreiben, mit der Absicht,
das Verstehen, Behalten und Erinnern zu verbessern" (Ballstaedt,
Mandl, Schnotz + Tergan, 1981, S. 250). Strategien kommt dann eine zentrale
lernfördernde Bedeutung zu, wenn wenig oder keine expliziten Instruktionen
oder Lernhilfen gesetzt werden, was beim browsing-spezifischen Informationszugriff
gegeben ist (vgl. Abschnitt 2.3.). Lernfördernde Strategien können auf der
Basis aller in Informationsnetzen geltenden Lernbedingungen entwickelt werden.
Zur Konstruktion von Strategien können über die Darstellungen in diesem Abschnitt
hinaus, wichtige in den vorherigen Kapiteln besprochene Aspekte des Informationszugriffes
Berücksichtigung finden. Zum Beispiel können die Ansätze zur räumlichen Bewegung
in einem Informationsnetz zur Konzeption von Orientierungs-Strategien verwendet
werden. Damit können Strategien geschaffen werden, die direkt bestimmte Lernprozesse
beeinflussen. Da Lernen in Informationsnetzen allerdings sehr ressourcenintensiv
ist, stellt sich die Frage, ob Strategien das Arbeitsgedächtnis nicht noch
zusätzlich belasten und so eher lernhinderlich sind. Diese Frage kann verneint
werden, da Strategien eine Reihe von Merkmalen aufweisen, die auf ihre geringe
Arbeitsgedächtnisbelastung schließen lassen. Nach Chi (1984, S. 218) kennzeichnen
sich Strategien nämlich dadurch, daß sie einen hohen Allgemeinheitsgrad besitzen
und deshalb bereichs-unabhängig eingesetzt werden können. Zusätzlich sind
Strategien in ihrer Anwendung meist automatisiert und von ihrer Gesamtzahl
her klein. Als entscheidend für die Lerneffektivität von Strategien muß aber
angesehen werden, inwieweit es gelingt, Strategien zu entwickeln, die situative
und personale Gegebenheiten im Umgang mit Informationsnetzen berücksichtigen.
Forschungsdefizite: Wenig wird in den vorliegenden Modellen
gerade über diese Personspezifität und die Situationsangemessenheit eines
Strategieeinsatzes ausgesagt: Welche Personen (mit unterschiedlichen Eigenschaften)
sollten unter welchen Umständen welche Strategie einsetzen? Diese Frage bleibt
weitgehend unbeantwortet, ist aber von immanenter Wichtigkeit. Metaphern decken
sich z.B. in den meisten Fällen nicht mit allen Informationszugriffsaspekten,
die in Informationsnetzen vorherrschen. Die Reise-Metapher eignet sich z.B.
nur dafür, Orientierungsprobleme in den Griff zu bekommen. Für begriffsbezogene
Probleme bietet diese Art von Metapher keine Hilfestellung. Ein weiterer problematischer Punkt wird von Hammond + Allison (1987, S. 83f)
formuliert: "Metaphor use reduces the need for inference or logical
thought. This automatic mode of operation has its particular dangers: plausible
but erroneous mappings from key aspects of the metaphor to the system will
be mobilised without users stopping to think about what they are doing."
Was bei den meisten Ansätzen gegeben ist, sind kochrezept-artige
Auflistungen bzw. Beschreibungen von Strategien, die entweder vorgefunden
werden oder eingesetzt werden sollten. Obwohl Handlungsempfehlungen gegeben
werden, fehlen theoretische Grundlagen und empirische Überprüfungen des Vorkommens
oder der Lernwirksamkeit der vorgeschlagenen Strategien. Zudem sind die Ausführungen
oft sehr allgemein und unpräzise gehalten. Zum Beispiel bleibt beim Ansatz
von Charney (1989) unklar, was mit "logischer" Reihenfolge
der Knotenauswahl gemeint ist. Teilaspekte werden nur gering differenziert
oder kaum zu anderen Modellteilen in Verbindung gesetzt. Da sich in Informationsnetzen
eine Reihe unterschiedlicher Probleme stellen, muß auch davon ausgegangen
werden, daß Strategien miteinander kombiniert werden müssen. Ein systematischer
Ansatz zur Integration bzw. Kombination unterschiedlicher Zugriffsstrategien
ist nicht auszumachen.
Bewertet man zusammengefaßt strategische Aspekte des Informationszugriffes,
so fällt auf, daß sich sehr viele Autoren mit dieser Thematik auseinandergesetzt
haben. Strategien stellen offenbar einen zentralen Aspekt im Umgang mit Informationsnetzen
dar. Dies dürfte damit zusammenhängen, daß Strategien universell einsetzbar
sind und wenig kognitive Ressourcen benötigen. Weitgehend ungeklärt ist, welcher
Informationsnetzbenutzer wann welche Strategie einsetzen soll, um optimales
Lernen gewährleisten zu können.
3.7. Zusammenfassung: Aspekte des Informationszugriffes
in Informationsnetzen
Dieses dritte Kapitel hatte die Funktion, in der einschlägigen Literatur
zu findende unterschiedliche Aspekte des Informationszugriffes in Informationsnetzen
möglichst umfassend aufzuzeigen und zu bewerten.
UNTERSCHIEDLICHE ASPEKTE DES INFORMATIONSZUGRIFFES
Zunächst zeigte sich, daß eine Vielzahl von vorliegenden Arbeiten
in von einander abgrenzbare Teilaspekte eingeteilt werden können. Der Informationszugriff
in Informationsnetzen kann demnach angenommen werden als fehlerbehaftet, als
von motivationalen und emotionalen Prozessen gesteuert und als ein räumlich-,
begrifflich- oder strategisch-orientiertes Vorgehen. Darüber hinaus lassen
sich gemischte Ansätze finden, die sich entweder nicht eindeutig diesen Aspekten
zuordnen lassen bzw. gleichzeitig unterschiedliche Aspekte berücksichtigen.
Fehlerspezifische Aspekte des Informationszugriffes betonen, daß der Vermeidung von technischen
Bedienungsfehlern am Computer, der Relation der Anzahl von relevanten zu den
gesamt aufgerufenen Knoten, der Kombination bzw. dem Wechseln von eingesetzten
Zugriffsstrategien und Wissen über die Art der Datenspeicherung im Informationsnetz
besondere Bedeutung beim Lernen in Informationsnetzen zukommt. Darüber hinaus
wird als Fehler angesehen, komplexe Aspekte des Zugriffes auf Knoten eines
Informationsnetzen auf simple zu reduzieren. Als Fehler in diesem Zusammenhang
werden angesehen: wenn das Kriterium der Knotenwahl zu abstrakt ist; wenn
der Kontext, in dem Informationen zu finden sind, unberücksichtigt bleibt;
wenn unflexible Rezepte zur Problemlösung herangezogen werden; wenn Wissensteile
unabhängig von einander gesehen werden und wenn keine individuellen Zugriffsstrategien
entwickelt werden. Fehlerhafte Informationszugriffe werden durch eine Reihe
kognitiver Persönlichkeitseigenschaften beeinflußt angesehen.
Aufgrund von motivations- und emotionstheoretischen Arbeiten
kann der Informationszugriff in Informationsnetzen als ein Konfliktfall, als
eine Absichtswahl, als eine Handlungswahl oder von Stimmungen abhängig angesehen
werden. Als Kriterium der Wahl können subjektive Werte, soziale Normen, Erfolgserwartungen,
vergangene Handlungsentschlüsse, Divergenzen, zeitliche Dringlichkeiten oder
Art und Intensität von Stimmungen dienen. Diese Ansätze bieten Anknüpfungspunkte
für die Berücksichtigung nicht-kognitiver Persönlichkeitseigenschaften, wie
Handlungs- / Lageorientierung, Erfolgshoffnung / Mißerfolgsfurcht oder Temperament.
Der Informationszugriff in Informationsnetzen kann auch als Reisen
durch imaginäre Räume aufgefaßt werden. Einmal wird davon ausgegangen,
daß auf eine Reihe unterschiedlicher Pfade durch Informationsnetze gewandert
wird und daß sich der Aufruf von Knoten durch Kennwerte der Besuchsfrequenz
charakterisieren läßt. Auch betont wird, daß sich Informationsnetzbenutzer
mit Orientierungspunkten bei der Positionsbestimmung behelfen. Knoten werden
dann zu diesen Orientierungshilfen, wenn sie gut erinnert werden, wenn sie
viele Verknüpfungen aufweisen, wenn sie wenig abstrakte Information enthalten
und wenn sie sich von anderen Knoten unterscheiden. Orientierung in einem
Informationsnetz wird darüber hinaus auch an kognitive Landkarten gebunden
gesehen. Die Konstruktion einer solchen Landkarte ist zunächst auf Orientierungspunkte
bezogen, schafft dann ein Netz von Hauptstrecken, so daß zunächst für einzelne
Bereiche und später für das gesamte Informationsnetz detaillierte Wegpläne
abgebildet werden. Auch ist der Prozeß relevant, wie Verbindungen zwischen
zwei Knoten gefunden werden können. Dabei spielen die Aufteilung von Verbindungsstrecken
in Teilstrecken und die daraus entstehenden Hauptstrecken eine wichtige Rolle.
Der Zugriff auf Informationen in einem Informationsnetz kann auch
als Problem der Bestimmung der Bedeutung von Begriffen angesehen werden.
Demgemäß kann die Wahl von Knoten in Informationsnetzen auf der Basis von
Annahmen der Aktivierungsausbreitung im menschlichen Gedächtnis angesehen
werden. Informationsnetzbenutzer wählen Knoten demnach in der Art und Weise
aus, wie in Gedächtnismodellen angenommen, Informationen verknüpft werden.
Andere Arbeiten gehen davon aus, daß Knoten dann aufgerufen werden, wenn sie
gesuchte Schlüsselwörter oder deren Ableitungen enthalten, aber auch, wenn
Knoten und gesuchtes Wort einer gemeinsamen semantischen, latenten Struktur
angehören. Schließlich wird die begriffliche Nähe - gemessen an in einem Informationsnetz
zwischen Knoten zu überwindenden hierarchischen Ebenen - als wichtiges Knotenwahlkriterium
angesehen.
Werden unterschiedliche Aspekte des Informationszugriffes in gemischten
Modellen des Informationszugriffes kombiniert, so wird die Wichtigkeit
optimaler Startpunkte und der Einsatz von lernunterstützenden Maßnahmen für
den erfolgreichen Informationszugriff betont. Als wichtig für den Informationszugriff
wird auch angesehen, Informationen möglichst verständlich abzubilden und Knoten
zu finden, die Handlungsanweisungen geben. Ein Autor sieht den Umfang, den
Facettenreichtum, die Verständlichkeit und die Leistungsfähigkeit des Informationsnetzbenutzers
als wesentliche Einflußfaktoren des Informationszugriffes an. Auch werden
unterschiedliche Typen von Informationsnetzbenutzer gemäß der Wahrnehmung
und Verarbeitung von Knoteninformationen identifiziert. Besonders der maximale
Wissenszuwachs wird als Zugriffskriterium angesehen. Schließlich können auch
analoge Beziehungen zwischen Knoten bzw. Verknüpfungen eine wichtige Funktion
beim Informationszugriff spielen.
Nach Ansicht von Autoren, die sich mit strategischen Aspekten
beschäftigen, kann der Informationszugriff über Pläne gesteuert werden.
Dabei kommt der Orientierung an Metaphern eine wichtige Rolle zu. Andere sehen
den Informationszugriff als sich wiederholenden Prozeß an, der aus Zielbildung,
Knotenwahl, Informationsextraktion und Informationsintegration besteht und
solange durchgeführt wird bis eine gestellte Aufgabe gelöst ist. In einem
Ansatz wird die Auswahl von Knoten als von einer Vorplanung, vom Zufall und
von Logik abhängig gesehen. Daß in Informationsnetzen zu bestimmten Phasen
auch lineare Zugriffsstrategien gewählt werden, wird auch angenommen. Auch
stellt sich der Informationszugriff von mentalen Modellen gesteuert dar, wobei
der Überwachung des Fortschrittes in der Aufgabenbearbeitung eine besondere
Funktion zukommt. Andere betonen, daß Informationsnetze zuerst strukturiert,
dann auf relevante Teilbereiche reduziert werden müssen, bevor unbekannte
Teile des Informationsnetzes erkundet und die Aufgabenstellung verfeinert
werden kann. Darüber hinaus werden allgemeine Lernhilfen vorgeschlagen - reichend
von der Notierung wichtiger Inhalte bis zur regelmäßigen Positionsbestimmung
-, die den Informationszugriff begleiten. Für andere Autoren spielt die Orientierung
am Erfolg des Informationszugriffes eine große strategische Rolle. Knoten
werden gewählt, wenn aktuelle Wahlen nicht erfolgreich sind. Dies ist dann
der Fall, wenn die im Knoten enthaltene Information nicht zielrelevant, zu
aufwendig, zu schwierig, inkonsistent, keine Orientierung bietend, alt und
unvollständig ist. Wichtigkeit, Konkretheit und typische Auswahlsequenzen
stellen auch zentrale Aspekte beim geplanten Informationszugriff dar. Schließlich
kommt dem Aufruf von zusätzlichen Informationen und der Orientierung an Knoten,
die Übersichten bieten, strategische Funktion zu.
ZUSAMMENFASSENDE GLOBALE KRITIK BESTEHENDER ARBEITEN
Grundsätzlich ist einmal festzustellen, daß bei sorgsamer Literatursuche
eine große Zahl von Ansätzen gefunden werden kann. Der von vielen Autoren
festgestellte quantitative Mangel an Ansätzen zur Beschreibung und Erklärung
des Informationszugriffes trifft demgemäß nicht zu (vgl. Abschnitt 1.2.).
Was konstatiert werden kann, sind eine Reihe von qualitativen Mängeln der
gefundenen Ansätze, die eine Verwendung für Forschung und Praxis erschweren.
An erster Stelle kann hier der Umstand genannt werden, daß die vorgefundenen
Ansätze kaum Arbeiten anderer Autoren berücksichtigen. Es findet keine
Aufarbeitung bzw. Integration bestehender Ansätze statt. Es liegen praktisch
keine Arbeiten vor, die sich mit Modellvergleichen beschäftigen. Selbst die
"Gemischten Ansätze", die laut eigener Zielsetzung mehrere unterschiedliche
Aspekte des Informationszugriffes vereinen, entwerfen eigene Konzepte ohne
bereits vorhandene zu berücksichtigen. Es fehlt auch an globalen Modellen
mit hohem Abstraktionsgrad, die eine Einordnung eines spezifischen Ansatzes
erlauben würden. Schließlich findet aufgrund der geringen Verwobenheit von
Forschungsbemühungen auch keine Weiterentwicklung von Forschungsinstrumentarien
(z.B. Datenerhebungsmethoden) statt. Da für viele unterschiedliche Ansätze
eine große Zahl unterschiedlicher Variablen erhoben werden müssen, fehlen
außerdem in der Regel reliable und valide Meßinstrumente.
Als Folge dieser Vorgehensweise kommt es zu einer Inflation von
Begriffen bzw. theoretischen Modellen, die es schwierig macht, die Vereinbarkeit
mit Nachbar-Ansätzen oder den Gültigkeitsanspruch der einzelnen Ansätze festzustellen.
Verschärft wird dieser Umstand dadurch, daß die gefundenen Ansätze aus unterschiedlichen
Forschungsbereichen kommen, deren Vergleichbarkeit ohnehin schwierig ist,
nämlich aus dem Bereich der Erziehungswissenschaften, der Kognitiven Psychologie
und der Informatik.
Viele der vorgestellten Ansätze stammen von Informatikern bzw. Computerwissenschaftlern,
denen in der Regel das sozialwissenschaftliche Methodenrepertoire fehlt.
Eine große Anzahl der Ansätze beruht mehr oder minder auf Spekulationen. Für
viele Arten des Informationszugriffes ist es nicht klar, ob sie in Informationsnetzen
vorkommen bzw. überhaupt vorkommen können. Zum Beispiel schreiben Valdez, Chignell + Glenn (1988, S.
322): "Further studies are needed to determine whether landmarks and
crossroads generally exist in hypermedia applications...". Liegen empirische Ergebnisse vor, so werden sie meist ohne expliziten
theoretischen Bezug durchgeführt. Die Datenerhebung in diesen Studien geht
in der Regel gering strukturiert vor sich und wird bei einer kleinen Anzahl
von Versuchspersonen durchgeführt. Zur Beschreibung und Erklärung der gefundenen
Phänomene werden häufig naiv-psychologische Konzepte verwendet.
Die zentralen Aussagen der gefundenen Ansätze sind theoretisch
nicht klar einordenbar. Die erste Frage, die sich dabei stellt, ist die,
ob die gefundenen Ansätze überhaupt Theorien darstellen, d.h. ob sie so formuliert
sind, daß sie den Kriterien zur Beurteilung von Theorien genügen. Die zweite
Frage betrifft den Umstand, welche Leistungen von den einzelnen Ansätzen erbracht
werden. Leistungen betreffen Beschreibungen, Erklärungen oder Technologien.
Am häufigsten sind Beschreibungen und Technologien vorhanden; Erklärungen,
die Beziehungen zwischen den Elementen des Ansatzes herstellen, sind kaum
auffindbar.
AUSBLICK
Liegen Technologien - also Handlungsanweisungen für die Praxis
- vor, ist in der Regel nicht eruierbar, auf der Basis welcher theoretischer
oder empirischer Evidenz die gemachten Vorschläge abgeleitet wurden. Auf dieser
Basis ist es äußerst schwierig Ableitungen für pädagogisch-orientierte Forschung
zu machen: Es kann nicht schlüssig ausgesagt werden, welche Lernbedingungen
bei welchen Informationsnetzbenutzern zu welchen Lernergebnissen führen.
Da die meisten Aspekte Lernbedingungen, die in Informationsnetzen
gelten und auch browsing-spezifisches Lernpotential berücksichtigen, ist ihre
Verwertbarkeit für weiteres Arbeiten dennoch gegeben: Sie können zumindest
als erkundende Studien angesehen werden, die Hypothesen für eine weiterführende
theoretische und empirische Untersuchung der Thematik bilden.
Homepage des Autors: http://www.sbg.ac.at/erz/people/astl.htm
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